11. März 2011, 18:50 Uhr

Manipulationsverdacht bei zwei Doktorarbeiten

Gießen (si). Die Justus-Liebig-Universität kommt bei der Aufarbeitung des »Falles Boldt« nur schleppend voran. Die Verstrickungen der Gießener Hochschulmedizin sind noch längst nicht geklärt.
11. März 2011, 18:50 Uhr
Universitätsklinikum Gießen (Foto: Geck)

Zwar hat die Universität dem Mediziner, der mindestens 89 Studien ohne die vorgeschriebene Zustimmung der Ethikkommission durchgeführt hat, vor drei Wochen den Professorentitel aberkannt - aber nur deshalb, weil er, über mehrere Jahre unbemerkt, am Fachbereich Medizin keine Lehrveranstaltung abgehalten hat, obwohl er dazu verpflichtet war. Zum viel gravierenderen Vorwurf des wissenschaftlichen Fehlverhaltens hat sich die Universität auch nach drei Monaten noch nicht geäußert - das Verfahren laufe noch, so die Hochschule auf Anfrage.

Dabei hat die Landesärztekammer in Rheinland-Pfalz - zuständig für die Arbeiten, die Boldt als Chefanästhesist des Klinikums Ludwigshafen dort durchgeführt hat - längst eine Liste der illegal durchgeführten Studien veröffentlicht. 16 medizinische Fachzeitschriften, darunter die renommierte, in den USA erscheinende »Anesthesiology News« - haben daraufhin Fachaufsätze zurückgezogen, die Boldt veröffentlicht hat. Unter den Co-Autoren sind mehrere Wissenschaftler, die an der Justus-Liebig-Universität gearbeitet oder sich hier wissenschaftlich qualifiziert haben. Das lässt sich mit einem simplen Namensabgleich feststellen.

Einer dieser Mitautoren ist der Mediziner P. In den von beiden gemeinsam veröffentlichten Schriften ging es immer um den umstrittenen Blutplasma-Ersatzstoff HES, über den Boldt gestolpert ist, hier wie dort wurde HES meist hoch gelobt. Und: Mit einer Arbeit zum gleichen Thema und mit dem gleichen Ergebnis ist P. nach Recherchen dieser Zeitung am Gießener Fachbereich Medizin promoviert worden. Der Name des Doktorvaters: Joachim Boldt. P. hatte damals schriftlich erklärt, dass die Ethikkommission über die Studie informiert worden sei und er Einverständniserklärungen eingeholt habe. Bis jetzt gibt es dafür aber keine Beweise. Die Unterlagen sollen verschwunden sein, ebenso die Unterschriften - wenn es die jemals gab.

P. hatte behauptet, die Zustimmung von Angehörigen eingeholt zu haben. Ob das überhaupt zulässig und ausreichend war, ist rechtlich höchst umstritten. Vermutlich hätte die gesamte Reihe nicht genehmigt werden dürfen. Es handelte sich um vielfach traumatisierte Patienten, die als »Versuchsobjekte« dienten, während sie am Operationstisch lagen. Damit steht massiv der Verdacht des Betrugs und der Körperverletzung im Raum.

Nach Erkenntnissen der Allgemeinen Zeitung hat der Arzt P. außerdem Teile seiner am Gießener Klinikum durchgeführten Studie zuvor schon publiziert, und zwar in zwei Aufsätzen: einmal im »British Journal of Anesthesia« und dann - mit Boldt als Co-Autor - im Fachblatt »Anesthesia und Analgesia«. Dabei wurden offenkundig Daten verändert - vielleicht, um den Eindruck zu erwecken, dass es sich um zwei Studien handelte, obwohl sie identisch waren; möglicherweise aber auch, um »gewünschte« Ergebnisse zu bekommen.

Über weitere Manipulationsvorwürfe berichtete das Fernsehmagazin »defacto« des Hessischen Rundfunks am Sonntagabend. Dabei ging es unter anderem um eine von Boldt betreute Studie, die, wiederum zu HES, am Ludwigshafener Klinikum durchgeführt wurde. Die Ethikkommission der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz habe dieser Testreihe ausdrücklich nicht zugestimmt, sagte der Hauptgeschäftsführer der Kammer, Jürgen Hoffart. Dennoch sei sie durchgeführt worden, berichtet der HR.

Die Ergebnisse dieser illegalen Untersuchung sollen ebenfalls in eine Dissertation eingeflossen sein. Verfasser der Arbeit, die der AZ vorliegt: Der Arzt Sch. - vielfacher Co-Autor von Boldt, unter anderem in vier Schriften, die nun zurückgezogen worden sind. Die Doktorarbeit wurde 2004 von der Justus-Liebig-Universität angenommen. Der Fachbereich Medizin promovierte Sch. zum Dr. med. Er arbeitet heute als Anästhesist an einem süddeutschen Uniklinikum.



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