17. März 2019, 18:55 Uhr

Man nannte sie »Zigeuner«

17. März 2019, 18:55 Uhr
Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, Rinaldo Strauß vom hessischen Landesverband der Deutschen Sinti und Roma und weitere Teilnehmer der Gedenkstunde legen Blumen am Mahnmal vor dem Rathaus nieder. (Foto: csk)

Gießen (csk). Bei milden Temperaturen regte sich am 16. März 1943 in Gießen der Frühling. Das steht fest. Wie viel Widerstand sich unterdessen regte, ist weit weniger klar. Etliche Bürger der Stadt wurden an jenem Tag, in Güterwaggons eingepfercht, von den Nazis erst nach Darmstadt und schließlich in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. »Es waren Menschen, die eines vereinte: Man nannte sie ›Zigeuner‹«, sagte Dietlind Grabe-Bolz am 76. Jahrestag der Deportation von 14 Angehörigen der Gießener Sinti und Jenischen im Hermann-Levi-Saal des Rathauses. Wie alle Redner machte die Oberbürgermeisterin bei der Gedenkstunde am Samstag vor allem dies deutlich: Dass sich aus der Geschichte für jedermann die Pflicht ergebe, gegen Rassismus und Vorurteile unmissverständlich Stellung zu beziehen.

Noch heute würden Sinti und Jenische oft ausgegrenzt, zitierte Grabe-Bolz entsprechende Studien. So hätten fast sechs von zehn Bundesbürgern »ein Problem damit, wenn Sinti und Roma in der Nähe wohnen«. Das, betonte die OB, zeichne »ein bedrückendes Bild«. Und es erschwere nicht nur das alltägliche Leben der Stigmatisierten, sondern auch das Gedenken: »Öffentliche Aufarbeitung und öffentliches Erinnern fallen schwer, wenn die Betroffenen selbst am liebsten unerkannt bleiben.« Indem sie seit 2012 mit der jährlichen Gedenkfeier an die 14 namentlich bekannten Deportierten erinnere und überdies an die »unzähligen Gesichtslosen, deren Schicksal wir noch nicht kennen«, sende die Stadt eine Botschaft: »Wir trauern um sie. Auch wenn sie nicht mehr unter uns sind, haben sie einen Platz in unserem Gedächtnis.«

Keinen Platz in der Gesellschaft habe dagegen Rassismus, so Grabe-Bolz, »egal, in welchem Gewand und in welcher – auch gelben – Weste er daherkommt«. Über zunehmende rechtspopulistische und extremistische Tendenzen sprach auch Rinaldo Strauß vom Landesverband Hessen der Deutschen Sinti und Roma. Bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, in der Schule und an vielen anderen Stellen erlebten viele Angehörige seiner Minderheit Diskriminierungen und Vorurteile, berichtete er. Der Staat und die Zivilgesellschaft seien hier gleichermaßen in der Pflicht, »den Rechtspopulisten Grenzen zu setzen«, so Strauß.

Die Gießener Journalistin Heidrun Helwig erinnerte anschließend in einem Vortrag an »Die Verfolgung der Sinti und Jenischen. Ein fast vergessenes Kapitel Gießener Geschichte«. Die relativ abstrakten Ereignisse bekamen dabei ein Gesicht – oder, genauer gesagt, vier Gesichter. Denn Helwig beleuchtete die Schicksale von Käthe Sell, Ferdinand Klein, Ewald Mettbach und Anna Mettbach. Sie alle waren von den Nationalsozialisten deportiert worden. Jede der vier bedrückenden Geschichten interpretierte die Historikerin als Beispiel für unzählige andere, ganz ähnlich gelagerte.

Außerdem berichtete Helwig über zwei Täter: den Kriminalbeamten Karl Seng und den »Rasseforscher« Otto Finger. Seng begleitete den Deportationszug bis nach Darmstadt, Finger lieferte pseudowissenschaftliche Grundlagen für die NS-Rassenideologie. So standen am Ende sechs Einblicke in das Leid der Opfer sowie in den Wahn der Täter – und die Erkenntnis, »dass die Verfolgung der Sinti und Jenischen auch in Gießen umfangreich war«.

Im Anschluss an die Gedenkstunde legten die Teilnehmer Blumen am Mahnmal für alle Opfer und Verfolgten des Naziregimes nieder. Grabe-Bolz verlas die Namen der 14 deportierten Gießener Sinti und Jenischen. Monsignore Hermann Heil und Pfarrer Bernd Apel sprachen Gebete.

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