27. Juni 2008, 22:26 Uhr

»Mammut Freshest« - frischester Hip-Hop

Es gibt wieder mal eine Gießener Band, die einen ordentlichen Schallplattenvertrag an Land gezogen hat.
27. Juni 2008, 22:26 Uhr

Es gibt wieder mal eine Gießener Band, die einen ordentlichen Schallplattenvertrag an Land gezogen hat. Bei dem rührigen, auf deutschsprachigen Hip-Hop spezialisierten Kölner Label »Al Dente Recordz« erschien kürzlich bundesweit das Debüt-Album der neuen Gießener Formation »Mammut Freshest«, das den originellen Titel »Gefrierbrand« trägt. Ein Album, das auch hartnäckige Hip-Hop-Verweigerer (wie den Schrei-ber dieser Zeilen, der in diesem Zusammenhang gerne mal über »Räpp-Geläpp« ablästert) restlos zu überzeugen vermag.

Absolut hörenswerte deutsche Texte, eingebunden in Rhythmen und Musik, die eben nicht nur von Computern oder Rhythmusmaschinen kommen, sondern vorwiegend von Menschen aus Fleisch und Blut produziert wurden. Die beiden Protagonisten des Projektes kennt man bestens aus Bands, die in der Vergangenheit nicht nur in der Region schon so manches Konzert zum Kochen gebracht haben. Scid da Beat wurde bekannt als Frontmann von »Hobo Tribe« und 2003 als deutscher Vizemeister in der Disziplin Human Beatbox gekürt, derWorm alias Burkhard Leins hat sich hierzulande einen richtig guten Namen als einer der beiden Rapper des »Basement Noise Club« (kurz BNC) gemacht.

Texte werden - anders als bei den meisten Rock- und Pop-Alben - in Hip-Hop-Produktionen normalerweise nicht im CD-Booklet abgedruckt. So auch hier. Die Macher sind halt der Meinung, dass man sich die Texte über das Hören und nicht durch gleichzeitiges Lesen erschließen sollte. Das zwingt zum genauen Hinhören, und das lohnt sich bei »Mammut Freshest« allemal. Und ist auch nicht allzu schwer, weil das Album deftig laut abgemischt wurde, ohne zu dröhnen. Also kann man erstens schon mal deutlich hören, was die Musiker da produziert und zu sagen haben, und zweitens ist die Textverständlichkeit (großes Kompliment!) für eine Hip-Hop-Produktion außergewöhnlich gut. Oft genug muss man bei ihren berühmteren Kollegen ja raten, was sich die Rapper da gerade so in den Bart nuscheln.

Das Spezielle an den beiden Herren Scid da Beat und derWorm ist, dass sie meist nicht mehr als zwei Mikrofone brauchen, um ihre Zuhörerschaft zu beeindrucken, denn weite Teile ihrer Musik bestehen aus Human Beatbox. Das ist eine Musikform, bei der allein mit dem Mund ganze Schlagzeugsets, Trompeten und sonstige Geräusche täuschend echt nachgeahmt und zu einem groovenden musikalischen Gesamtbild zusammengesetzt werden. Scid da Beat wurde - wie anfangs erwähnt - 2003 in dieser Kunstform offiziell zum deutschen Vizemeister gekürt. Und da zeigt sich, dass Kunst eben von Können kommt. Wie man sich denken kann, sind auf ihrem Debüt-Album einige Lieder enthalten, die nur mit dem Mundwerk komponiert wurden. Unter anderem der Song »Alle«, der es trotz seiner Reduktion auf Rhythmus und Rap ganz locker schafft, auch notorische Tanzmuffel zum Tanzen zu bewegen. Da waren keine Gastmusiker nötig.

Aber »Gefrierbrand« beschränkt sich nicht bloß auf die Human Beatbox. Das wäre auch zu einfältig. Für ihre Produktion haben sich die »Mund-Artisten« natürlich auch einer ganzen Reihe befreundeter Musiker aus ihren bisherigen Bands bedient, die hier unter »Keller Crew« firmieren. Darunter Henrik Loos (u.a. »BNC«), der eine gewohnt gefühlvoll-funkige E-Gitarre spielt und auch an einigen Kompositionen beteiligt ist, dazu als Instrumentalisten/Gastsänger bzw. Co-Komponisten u.a. Mario Götzenberger, Marty B. Jones (»BNC«), Flexmaster Fli, Daniel Raymond Gahn, Björn Banzhof, Joong-Sup Rhee, Julie Thompson und Kadel Gott (»Hacienda«).

Zusammen mit der »Keller Crew« zollen »Mammut Freshest« auch ihrer Heimatstadt Gießen allen Respekt und rappen im Song »35398« über Dönerdreieck, Elefantenklo und ihre Postleitzahl.

Angesichts der Vielzahl der wirklich guten Texte fällt es schwer, hier einen Anspieltipp zu geben. Egal ob »Die SP12 in Einzelhaft« als krasseres Beispiel, »Genau so und noch mal«, »Mach's richtig« oder »Alle« - alle Texte haben ihre ganz spezielle Berechtigung und sind gleichermaßen zum Anspielen im Plattenladen zu empfehlen, letztlich entscheidet der persönliche Geschmack. Die Qualität der Songs ist durchgängig hoch. Und im Internet kann man sich ja auch noch zusätzlich schlau machen.

Fazit: »Gefrierbrand« von »Mammut Freshest« ist ein Hip-Hop-Album, das mit dem medial leider allzu oft vertretenen Gangster-Rap absolut nichts zu tun hat, sondern eine erfrischende, ebenso lebenslustige wie auch nachdenklich stimmende Scheibe voll witziger und intelligenter Texte. Und die Musik, eine vielseitige Mischung aus klassischem Rap verbunden mit mehr als einer gehörigen Portion Funk macht das Ganze zusätzlich attraktiv.

Produziert hat das Werk derWorm zusammen mit Mario Götzenberger, aufgenommen, abgemischt und auch gemastert wurde es im »Big G-Studio« in Gießen.

Erhältlich ist der »Gefrierbrand« von »Mammut Freshest« in allen Plattenläden. Man kann es aber auch erst mal Probehören und einige Lieder runterladen im Internet unter: www.mammut-freshest.de oder www.myspace.com/mammutfreshest. Gerd Hofmann



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