22. Mai 2018, 22:30 Uhr

Magische Momente

Großes Kino im Großen Haus. Die Gala zum Abschluss des TanzArt-ostwest-Festivals verbindet im ausverkauften Stadttheater spitzen Tanz mit zeitgenössischem Esprit. Nationale und internationale Gruppen zeigen ihr Können.
22. Mai 2018, 22:30 Uhr

Wenn Spitzentanz zum spitzen Tanz wird, ist der ferne Osten nicht weit. Es liegt nicht mehr nur an der Präzision, es kommen nun auch Ausdruck und Anmut hinzu, wenn asiatische Tänzerinnen ihren europäischen Kolleginnen die Show stehlen. Die Magie des Augenblicks haftet an ihrer Geschmeidigkeit einen vehementen Hauch länger und dramatisiert so die Elastizität, macht die Beweglichkeit um ein feines Gramm federleichter. Das ist die Quintessenz des dreieinhalbstündigen Tanzmarathons im Stadttheater zum Abschluss des TanzArt-ostwest-Festivals. Bei der Tanz-Gala am Montagabend präsentieren 13 Ensembles und ein Duo Einblicke in ihr Können. Der Pas de deux liegt im Trend. Soli werden in die Gruppen integriert. Die Besucher im ausverkauften Großen Haus spenden am Ende minutenlangen Applaus für die vielseitige Performance.

Das Ballett Koblenz besticht mit seinem Orfeo, der seine Eurydike für immer an die Unterwelt verliert. Überirdisch biegsam stellt sich Kaho Kishinami ins Rampenlicht. Sie raubt in diesem Pas de deux nach der Choreografie von Andreas Heise und der Streichorchestermusik von Christoph Willibald Gluck ihrem Tanzpartner Arkadiusz Glebocki den Atem. Am Ende schreitet sie erhobenen Hauptes davon.

Ting-Yu Tsai vom Ballett des Stadttheaters Bremerhaven bezaubert in der »Fantasie Impromptu« nach der gleichnamigen Klaviermusik von Frédérick Chopin dank impulsiver und humoristischer Momente. Sie trifft mit Ilario Frigione in der Choreografie von Sergei Vanaev den richtigen Ton. Vom Ballett Augsburg zieht Eunji Yang in dem Stück »Voices« (Choreografie: Ricardo Fernando), unterstützt von Shori Yamamoto, alle Blicke auf sich. Ihre Zweierbeziehung führt die beiden ins Spagat der elastischen Hebefiguren. Ein Traum.

Nicht ganz so verträumt sind die Kostüme. Sie wirken auffallend uniform. Bereits im Vorjahr dominierten in den Duetten dunkle Farben: Schwarz, Grau, Braun. Daran hat sich nichts geändert. Vielleicht liegt es am Thema Tod, das erstaunlich oft in Szene gesetzt wird.

Die Ensembles wählen lieber farbenfrohe Outfits. Weiße Kostüme, wie sie die Gießener Tanzcompagnie nach der Pause in ihrer »Clear Shadows«-Darbietung von Choreograf Tarek Assam aus dem Stück »Lyrical« präsentiert, sind Mangelware. Das rote Kleid, das Isabella Heymann vom Ballett Vorpommern zu Songs von Ella Fitzgerald (Musik: Ira und George Gershwin, Choreografie: Ralf Dörnen) in ihrem spitzentanzgeprägten Solo innerhalb eines vereinsamten Terzetts mit Dominic Harrison und Leander Veizi trägt, sticht aus der Masse heraus.

Auch die vier Franzosen des Alienorballet aus dem Bordeaux mögen’s bunt. Die Compagnie ist zum ersten Mal bei der Tanz-Gala zu Gast und zeigt eine Choreografie von Pascal Touzeau. Zu Beginn gefällt ihr »Lab(e)yrinth(e)« mit vergnüglicher Note, eifrigem Bodenkontakt und Akkuratesse, zum Ende hin franst das Stück in eine Interpretationsvielfalt aus, die es beliebig macht.

Das Gegenteil von beliebig stellt die Yate-Akrobatengruppe aus Shenzhen auf die Beine. Seit Jahren hat Gießens Compagnie mit der Tanzszene der Millionenmetropole Kontakt und reist regelmäßig dorthin. Die Chinesen leisten derzeit für den Tanzabend »Cross!« einen Gegenbesuch, offerieren am Montag aber in traditionellen Kostümen ihre eigene Körperkunst im Flickflack-Stil mit Hebefiguren und atemberaubenden menschlichen Turmbauten.

Als Augenweide geht der ganz in Weiß und klassisch getanzte »Romeo und Julia«-Liebesbeweis von Nela Mrázová und Emilijus Miliauskas vom Ballett Chemnitz nach der Musik von Sergej Prokofjew über die Bühne. Die Choreografie stammt von Luciano Cannito. Als etwas enttäuschend, weil wenig spannungsreich und leidlich dramatisch, entpuppt sich der Ensemble-Stil von Altmeisterin Susanne Linke, die zurzeit in Trier aktiv ist. Ferner sind die Balletts aus Budweis, Nordhausen, Pforzheim und Bern zu erleben. Die Compagnie aus Polen sagte ihren Auftritt kurzfristig ab.

Durch den Abend führt wie immer Tanzdirektor Assam, diesmal in einem reverslosen schwarzen Anzug – ein Geschenk aus Shen-zhen. Mit dem Beitrag »Renew« geben Laura Ávila und Gleidson Vigne (auch Choreografie) ihre Visitenkarte in Gießen ab. Beide gehören ab der nächsten Spielzeit zum Ensemble. Apropos Gießen: Mit einem Ausschnitt aus dem berühmten »Auftaucher« von Henrietta Horn zeigt die heimische Compagnie die rhythmisch ansprechendste Ensemble-Leistung der gesamten Gala – und das gleich zu Beginn des Abends.

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