13. Juli 2018, 19:00 Uhr

Mensch, Gießen

Magda Kunkel: Eine ganz spezielle Visionärin

Magda Kunkel (76) meldet sich zu allen möglichen Themen zu Wort und geht damit ihrer Umwelt zuweilen auf die Nerven. Allerdings ist sie auch beharrlich und benennt mutig soziale Missstände.
13. Juli 2018, 19:00 Uhr
steines_cg
Von Christine Steines
Magda Kunkel sagt immer mutig ihre Meinung. (Foto: Friedrich)

Zu unserem Treffen kommt Magda Kunkel ein paar Minuten zu spät. Das ist ihr unangenehm, denn eigentlich ist sie ein pünktlicher Mensch. »Ich bin immer zu früh dran«, sagt die 76-Jährige und meint es in doppelter Hinsicht. Viele ihrer Ideen, die sie im Laufe der Jahre entwickelt hat, waren gut, aber die Zeit war noch nicht reif dafür.

Da war das gemeinsame Kochen bei »Eltern helfen Eltern«, privat initiierte Lesepatenschaften in Grundschulen, als so etwas längst nicht etabliert war, oder ihre Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Zöliakie. »Heute ist es ein Trend. Als ich erstmals von Glutenunverträglichkeit berichtet habe, wollte niemand etwas davon wissen«, erinnert sie sich.

Vom großen Helmut Schmidt stammt der grummelnde Spruch, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, aber nicht in die Politik. Magda Kunkel, eine in der Wolle gefärbte Sozialdemokratin, hat nicht nur Visionen in Form von innovativen Einfällen, sondern sie ist hellsichtig: Sie sieht Ereignisse voraus, sagt sie – den Einsturz des World Trade Centers, Fukushima, den Rücktritt des Papstes. Sie kann nicht genau Ort und Zeit bestimmen, aber sie sieht Dinge, die die Welt verändern werden, schon vorher. Auch individuelle Schicksale könne sie oft erkennen.

 

Zornig über ungerechte Altersarmut

 

»Ich stehe an der Supermarktkasse und weiß plötzlich ganz genau, dass vor mir ein Mörder steht«, nennt sie ein Beispiel. Oder sie weiß, dass jemand einen Unfall haben wird. Oder an Krebs erkrankt ist, ohne dass er selbst die Diagnose kennt. »Als ich noch Taxifahrerin in Berlin war, spürte ich einmal, dass ein weiblicher Fahrgast Brustkrebs hatte«. Natürlich habe sie der Frau das nicht gesagt, sondern statt dessen von der Notwendigkeit von Vorsorgeterminen gesprochen. Sie habe das so eindringlich getan, dass die Frau zum Arzt gegangen sei. Durch die rechtzeitige Therapie habe sie geheilt werden können.

Magda Kunkel kennt unzählige solcher Geschichten. »Ich weiß, wie irre das klingt«, sagt sie. Von wohl meinenden Menschen sei ihr schon geraten worden, diese Visionen für sich zu behalten. Aber das sei schwer. »Ich bin oft ganz verzweifelt, wenn ich das ganze Unglück erkenne und nichts dagegen tun kann«. Die Gabe der Hellsichtigkeit sei eine Bürde und mehr Fluch als Segen.

Tausend Gedanken

Manchmal ist es schwer, Magda Kunkel im Gespräch zu folgen. Tausend Gedanken schießen ihr gleichzeitig durch den Kopf, tausend Episoden müssen erzählt werden. Wo in ihrem Leben sind wir gerade? Zur Zeit der Haushaltshilfe, der Verkäuferin, der Kioskbesitzerin, der Taxiunternehmerin, der Bankangestellten? Im Spessart, in Frankfurt, Berlin oder Gießen? Man muss die 76-Jährige immer wieder »einfangen«, etwas auf den Punkt zu bringen ist nicht ihr Ding. So turbulent wie ihr ganzes Leben gestalten sich die Unterhaltungen – sie sind ein buntes Durcheinander aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie ist hochintelligent, steht sich aber oft selbst im Weg.

Ich kann Unglück oder Krankheiten voraus sehen. Daran verzweifle ich oft

Magda Kunkel

Eine anstrengende Frau! Zu einem Punkt kommt sie aber immer wieder, denn der ist existenziell. Die Rentnerin war 48 Jahre ihres Lebens berufstätig, ihre drei Kinder hat sie alleine groß gezogen. Sie hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet und ist heute auf Grundsicherung angewiesen. »Das geht vielen Frauen meiner Generation so, und diese Ungerechtigkeit bringt mich auf die Palme«, schimpft sie. Nachdem im Sommer 2016 in dieser Zeitung ihr Fall von Altersarmut geschildert worden war, wurde sie zu Maybrit Illners Talkshow und in die Sendung »Nacht-Cafe´« eingeladen. Dort hat sie wortgewandt die Lücke im Sozialsystem benannt und kritisiert. Eine mutige Frau!

Ungerechtigkeiten gehen der Rentnerin nicht nur gegen den Strich, wenn es um sie selbst geht. Sie setzt sich für sozial Benachteiligte ein, wann immer ihr Missstände auffallen. Ignoranz und Gleichgültigkeit kann sie nicht ertragen, sie meldet sich bei Behörden, bei Parteien und Verbänden zu Wort und trägt Lösungsvorschläge vor. »Da muss man doch etwas tun…«, sagt sie. Das kann hilfreich sein, muss es aber nicht.

Manchmal wird ihr Engagement dankend angenommen, manchmal aber auch als übergriffig empfunden. Magda Kunkel kann mit Zurückweisungen ganz gut umgehen. Demütigend empfindet sie jedoch die Überheblichkeit derer, die selbst nie in Not waren, aber sich ein Urteil anmaßen. Doch zum Glück gibt es immer wieder Menschen, die ihr mit Achtung und Sympathie begegnen. Dass sie für ihre Mitmenschen nicht immer leicht zu ertragen ist, weiß sie nur zu gut. »Ich weiß, wovon Sie reden. Ich kenne das seit 76 Jahren«.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos