26. Juli 2019, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Lutz Hiestermann: Leidenschaft für Lebenswertes

Lutz Hiestermann setzt sich für ein »Lebenswertes Gießen« ein und legt sich dabei auch mit dem Magistrat an . Wir stellen den 54-jährigen in unserer Serie »Mensch, Gießen« vor.
26. Juli 2019, 14:00 Uhr
Lutz Hiestermann setzt sich für seine Ziele leidenschaftlich ein. Auch wenn er damit aneckt. (Foto: chh)

Lutz Hiestermann sitzt an der Lahn. Schweiß läuft über seine Stirn. Es ist noch keine 11 Uhr, das Thermometer kratzt aber schon an der 30-Grad-Marke. »Früher war das nicht so. Und es spricht vieles dafür, dass es in den nächsten Jahren noch wärmer wird«, sagt der Gießener. Während der 54-Jährige über die Folgen des Klimawandels spricht, paddeln hinter ihm Boote übers Wasser. Vollkommen emissionsfrei. Wenn es nach Hiestermann ginge, dürfte das bis 2035 auch auf Gießens Straßen der Fall sein. Mit seinen Vereinskollegen von »Lebenswertes Gießen« hat er eine Kampagne gestartet mit dem Ziel, Gießen in den nächsten 16 Jahren zu einer klimaneutralen Stadt zu machen. »Uns steht das Wasser bis zum Hals. Und anstatt es abzuschöpfen, schütten wir immer neues nach.« Kein Zweifel, Hiestermann ist jemand, der sich engagiert. Auch wenn er dabei aneckt. Das war schon immer so.

Hiestermann ist in einem kleinen Ort in Nordhessen aufgewachsen. Seine Eltern waren Lehrer, er selbst ging aufs Gymnasium. Als Schul- und Kreisschulsprecher setzte er sich für die Belange seiner Mitschüler ein, mit 19 saß er zudem als Stadtverordneter im Parlament. Für ihn sei das eine Selbstverständlichkeit gewesen, sagt Hiestermann: »Für mich persönlich ist es schwer vorstellbar, mich außerhalb von Beruf und Familie nicht zu engagieren.«

Als Hiestermann 1986 zum Studium der Agrarwissenschaften nach Gießen kam, verhielt es sich nicht anders. Er arbeitete einige Jahre in der lokalen Greenpeace-Gruppe, betreute in Heuchelheim Flüchtlinge und engagierte sich im Umfeld des AStA. Beim Unistreik 1991 war er ebenfalls aktiv dabei. Nach dem Studium gründete er dann zusammen mit einem Kommilitonen die Beratungsagentur Consult 21. »Wir hatten drei Ansätze: Marktforschung, Ökobilanz, das war mein Gebiet, und Carsharing.« Zu letzterem gehörte auch ein Projekt mit der Gießener Gesellschaft für Soziales Wohnen, das bundesweit auf Interesse stieß. »Schlussendlich waren wir mit der Idee aber einfach ein paar Jahre zu früh dran«, sagt der Gießener heute. Die Geschäftspartner gingen getrennte Wege. Heute betreibt Hiestermann zusammen mit einem anderen Partner ein Marktforschungsunternehmen mit nationalen und internationalen Kunden.

Carsharing hat Hiestermann in all den Jahren aber nicht losgelassen. Nicht nur, weil er darüber seine Frau kennengelernt hat und bis heute auf das Angebot zurückgreift. Sondern auch, weil ihm das Konzept auch in der Politik begegnet. Leider nicht in der Form, die er für richtig hält.

Seit acht Jahren Vorsitzender

Für das Wohngebiet Bergkaserne war ursprünglich ein autoreduziertes Wohnen konzipiert worden. Doch im Rathaus kam man später zum Schluss, dass dies Idee nicht funktioniere - zum Unverständnis des Vereins Lebenswertes Gießen, dessen Vorsitzender Hiestermann seit acht Jahren ist. »Da steckte null Konzept dahinter. Und dass in einer Zeit, in der wir solche Konzepte dringend benötigen, um die Abhängigkeit vom privat besessenen Auto und die damit verbundenen Klimaprobleme nachhaltig reduzieren zu können«, ärgert er sich noch heute. Ähnlich kritisch blickt er auf das Wohnraumversorgungskonzept der Stadt. Oder die Studie zur Bürgerbeteiligung, wegen der es zwischen Verein und Magistrat heftig gekracht hatte. »Aber das liegt jetzt auch schon ein paar Jahre zurück«, sagt der 54-Jährige. »Ich will das nicht wieder aufwärmen.«

Beim Gespräch an der Lahn macht Hiestermann einen aufgeräumten Eindruck. Er kann aber auch unbequem werden. Nämlich dann, wenn er das Gefühl hat, dass Kommunikation verweigert und Konflikte ausgesessen werden sollen. Dann formuliert er seine Kritik auch mal deutlicher. »Warum auch nicht«, sagt der Gießener und zuckt mit den Schultern. »Gelebte Bürgerbeteiligung kann ja wohl gerade in Gießen nicht heißen, dass man nur Thesen vertritt, die den politisch Verantwortlichen recht sind.« In solchen Fällen nimmt der Gießener kein Blatt vor den Mund - und tritt anderen auch mal auf die Füße. Das hat dazu geführt, dass er für manche Menschen im Rathaus zur Persona non grata geworden ist. Hiestermann weiß das. »Unseren Verein gibt es seit zwölf Jahren. Wir treffen uns jede Woche. Wir haben keine Profilneurose, uns geht es nicht darum, in der Zeitung zu stehen. Wir sind vielmehr der Meinung, dass in Gießen gerade im Hinblick auf eine nachhaltige und klimagerechte Stadtentwicklung manche Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollten. Und wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dies zu ändern.«

Gegenwind in Kauf nehmen

Dafür nimmt Hiestermann auch Gegenwind in Kauf. Das heißt aber nicht, dass ihn die Angriffe nicht treffen würden. »Dass uns im Stadtparlament eine antidemokratische Haltung vorgeworfen wurde, und das unter Beifall der Fraktionen, war starker Tobak«, sagt Hiestermann. »Das hat uns auf der persönlichen Ebene sehr getroffen.« Und ja, man habe auch mit dem Gedanken gespielt, alles hinzuwerfen. Aber nur kurz: »Dann würden wir sie mit ihrer Strategie ja durchkommen lassen.« Zusammen mit dem Verein hat er aber eine andere Konsequenz gezogen. »Wir verfolgen eine neue Strategie. Wir wollen nicht mehr nur auf Konzepte der Stadt reagieren, sondern eigene Themen setzen.« Zum Beispiel mit der Kampagne 2035.

Klimaschutz ist ein Thema, dem sich Hiestermann schon den Großteil seines Lebens widmet. Er ist daher stolz, dass der Verein etliche Einrichtungen - Uni-AStA, Stadtschülerrat, Fridays for Future, BUND und weitere - dafür regelmäßig an einen Tisch bringt. Über 1200 Unterschriften für das Ziel der Klimaneutralität wurden bereits gesammelt. Und die kommen laut Hiestermann nicht von radikalen Öko-Aktivisten, sondern von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. »Das ist ein Erfolg für uns und zeigt, dass wir keine tumben Krakeeler sind.«

Hiestermann will mit dem Finger aber nicht nur auf andere zeigen. Er greift sich auch an die eigene Nase. »Meine Generation hat viel zu lange Dinge durchgehen lassen. Unsere Kinder müssen das nun ausbaden.« Bei sich zu Hause sei ein nachhaltiger Umgang mit den Ressourcen daher ein omnipräsente Herausforderung. Mit seinen beiden Töchtern habe er gerade erst lange über Müllvermeidung und Mikroplastik diskutiert. Die Konsequenz: Die Familie zog mit etlichen Schalen und Behältern auf den Wochenmarkt, um verpackungsfrei einzukaufen. Fleisch gebe es im Hause Hiestermann nur selten, das Fahrrad sei in Sachen Fortbewegung die erste Wahl. »Wir haben zwar ein eigenes Auto, das benutzen wir aber möglichst selten«, sagt der Gießener. »Und falls wir mal ein Zweitauto benötigen, setzen wir auf Carsharing.«

Das ist zwar nicht so klimafreundlich wie die Kanus auf der Lahn. Aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Bis 2035 wollen Hiestermann und seine Mitstreiter von Lebenswertes Gießen noch viele weitere Schritte gehen - und dabei, wenn es nötig ist, auch den ein oder anderen Konflikt austragen.

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