09. November 2017, 20:09 Uhr

Novemberpogrom

Luther-Kritik beim Gedenken an Hatz auf Juden

Am Morgen des 10. November 1938 brannten auch in Gießen die Synagogen. Welche Mitschuld am Judenhass trägt Reformator Martin Luther? Ein evangelischer Pfarrer gibt die Antwort.
09. November 2017, 20:09 Uhr
Rund 120 vorwiegend junge Leute zogen beim Mahngang anlässlich des Judenpogroms vor 79 Jahren durch die Innenstadt. (Fotos: Schepp)

Von »jubelnder Begeisterung« und einer »dichtgedrängten, lachenden Menge« schrieb vor fast 80 Jahren ein Schüler des Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, als er seine Eindrücke und Beobachtungen vom Morgen des 10. November 1938 in sein Tagebuch eintrug. Aus den gleichermaßen anschaulichen wie bedrückenden Aufzeichnungen lasen am Donnerstagabend an der Südanlage Schüler/innen des heutigen LGG vor. Rund 80 Gießener Bürger waren gekommen, um vor der Kongresshalle an der Gedenkstunde des Magistrats, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar, der jüdischen Gemeinde und der beiden christlichen Kirchen teilzunehmen.

Kranzniederlegung an Südanlage

»Es geschah am hellichten Tag«, sagte Cornelius Mann von der christlich-jüdischen Gesellschaft. In Gießen seien an dem Morgen vor 79 Jahren die beiden Synagogen in der Steinstraße und an der Südanlage in Brand gesteckt worden, jüdische Geschäfte geplündert, Menschen misshandelt und etliche Männer der Gemeinde ins KZ verschleppt worden. »Es war ein bewusster Bruch mit allen Normen und ein barbarischer Akt«, sagte Mann. Wenige Tage nach den großen Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum bezog der evangelische Pfarrer klar Position zum Thema Luther und Antisemitismus. Der Reformator habe im Alter »ganz furchtbare Dinge über die Juden gesagt«, dazu aufgerufen, ihre Kirchen anzuzünden, ihre Häuser zu zerstören und ihnen die Ausübung ihrer Religion zu verbieten. Damit habe Luther dem völkischen Antisemitismus den Boden bereitet, sagte Mann. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sagte, vom November 1938 habe der Weg gerade und zur Deportation der Gießener Juden 1944 in die Vernichtungslager geführt. »Nur die Erinnerung daran verhindert das Vergessen«, sagte die OB, die mit Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz einen Kranz am Gedenkstein niederlegte. Bibelverse zitierten die Pfarrer Peter Ohl (ev.) und Hans-Joachim Wahl (kath.) , das Totengebet sprach Itzhak Kaminer von der jüdischen Gemeinde.

120 junge Leute bei Mahngang

Etwa 120 vorwiegend junge Leute formierten sich später zu einem Mahngang mit mehreren Stopps am früheren jüdischen Bankhaus Herz in der Neuen Bäue und an einigen Stolperstein-Standorten. »Uns geht es darum, den historischen und aktuellen Antisemitismus in den Mittelpunkt zu stellen«, sagte Laura Schilling von der neugegründeten studentischen Initiative gegen Antisemitismus Gießen, die den Mahngang gemeinsam mit weiteren Gruppen organisiert hatte. Man wolle den Ereignissen von damals »würdig gedenken« und keine Vermischung mit der Tagespolitik, sagte Schilling in Anspielung auf eine weitere Gedenkveranstaltung, die die Gießener DKP auf dem Rathausplatz mit rund 20 Personen durchführte.

Die Kommunisten und Teile der linksautonomen Szene, die solidarisch zum Staat Israel stehen, hatten vor einigen Jahren eine Auseinandersetzung über den Charakter des Mahngangs zum Novemberpogrom geführt. Seitdem führen beide Lager getrennte Veranstaltungen durch.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Antisemitismus
  • Dietlind Grabe-Bolz
  • Egon Fritz
  • Evangelische Kirche
  • Evangelische Pfarrer
  • Juden
  • Judentum
  • Landgraf-Ludwigs-Gymnasium Gießen
  • Martin Luther
  • Pfarrer und Pastoren
  • Synagogen
  • Totengedenken
  • Gießen
  • Burkhard Möller
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen