18. Februar 2019, 21:41 Uhr

Streit um Stickoxid-Grenzwert

Lungenarzt Lindemann zieht Unterschrift nicht zurück

18. Februar 2019, 21:41 Uhr

Der frühere Gießener Kinderpneumologe Prof. Hermann Lindemann bleibt bei seiner kritischen Haltung zum derzeit diskutierten Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Daran ändere auch der Rechenfehler nichts, der seinem Kollegen Prof. Dieter Köhler in der vergangenen Woche von der »Tageszeitung« (taz) nachgewiesen worden war. Dieser Fehler sei im Hinblick auf die Schlussfolgerungen, die Köhler und über 100 deutsche Lungenärzte in einer Erklärung zu den Grenzwerten für Feinstaub und Stickstoffdioxid vor einigen Wochen getroffen hatten, »völlig unbedeutend«, erklärt Lindemann gegenüber der GAZ.

Der Lungenarzt, der in Gießen vor allem durch sein privates Engagement gegen die Mukoviszidose bekannt ist, gehört zu den 107 Unterzeichnern der von Köhler initierten Erklärung, die seit Wochen die Debatte um Stickstoffdioxid-Grenzwert und Diesel-Fahrverbote mitbestimmt. Nachdem Köhlers Rechenfehler bekannt geworden war, wurden die Unterzeichner vom Bundestagsabgeordneten Stefan Gelbhaar, der für die Grünen im Verkehrsausschuss sitzt, angeschrieben und gefragt, ob sie ihre Unterschrift zurückziehen. »Meine Position bleibt unverändert«, antwortete Lindemann. Der von Köhler eingestandene »kleine Rechenfehler« sei »nebensächlich«.

Lindemann untermauert seine Auffassung, wonach eine gesundheitliche Gefährdung durch eine Dauerbelastung von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft nicht nachgewiesen sei, mit dem Hinweis auf die körpereigene Produktion von NOx. Schon bei Gesunden würden über die Nase bis zu 600 Mikrogramm Stickstoffmonoxid ausgeatmet, das der Körper selbst produziere. Davon würden bereits zehn Prozent in den Atemwegen in Stickstoffdioxid umgewandelt und abgeatmet. Der menschliche Organismus produziere also Stickoxide in beträchtlichem Ausmaß und werde »in der Regel gut damit fertig«.

Andere Schadstoffe gefährlicher

Was die Belastung durch eingeatmetes »fremdes« Stickstoffdioxid betrifft, argumentiert Lindemann, dass selbst bei unbehandelten Asthmatikern eine »geringe Einengung« erst ab 400 Mikrogramm eintreten könne. Andere Schadstoffe wie Feinstaub, Ozon, Schwefeldioxid oder Schimmelpilze seien wesentlich gefährlicher. Lindemann: »Natürlich müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, die Schadstoffbelastung der Außenluft zu reduzieren. Die Stickoxide der Dieselfahrzeuge spielen dabei jedoch eine untergeordnete Rolle.«

Wie am Montag berichtet, wird der Stickstoffdioxid-Grenzwert vom Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) anders bewertet. Vorsitzender des in Gießen ansässigen Zentrums ist Prof. Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer des Uniklinikums. In einem acht Punkte umfassenden Papier hatte Seeger für das DZL den von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Grenzwert verteidigt.

»Die wissenschaftliche Kompetenz des an der WHO angesiedelten hochkarätig besetzten internationalen Bewertungsgremiums steht außer Frage«, heißt es in der Stellungnahme des DZL, die in den Medien merkwürdigerweise bislang fast keinen Widerhall fand. (Foto: pm)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Dieter Köhler
  • Feinstaub
  • Gießen
  • Tageszeitungen
  • Weltgesundheitsorganisation
  • Gießen
  • Burkhard Möller
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen