16. September 2017, 14:00 Uhr

Neue Straßen

Lufthansa und FC-Bayern-Gründer als Namensgeber

Gießen wächst, und die neuen Straßen brauchen Namen. Für das frühere US-Depot hat sich die Stadt etwas Besonderes einfallen lassen.
16. September 2017, 14:00 Uhr
Eine Maschine der Luft Hansa parkt Ende der 1920er Jahre vor dem Empfangsgebäude des Gießener Flughafens. (Fotos: Archiv)

Es war eines der wichtigsten Ereignisse in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Gießen, als vor fast genau 90 Jahren »Am Stolzen Morgen« das Empfangsgebäude des Flughafens und die neue Rollbahn eingeweiht wurden. Zur Eröffnung eingeladen in die Wieseckaue hatte am 27. September 1927 die Luftverkehrs AG Oberhessen-Lahngau (Oblag). Seinen Höhepunkt erlebte der Flughafen vier Jahre später, als an 129 Tagen Linienbetrieb mit 2552 Starts herrschte, ehe der Flughafen wenige Jahre später wegen zu geringer Auslastung geschlossen wurde. Bis auf einige Zubringerflüge nach Frankfurt war die zivile Luftfahrt in Gießen damit beendet. An diese Zeit des Aufbruchs, der Nazi-Diktatur und Krieg folgten, wird demnächst eine Straße in Gießen erinnern. Es geht um die große Haupterschließungstrasse, die durch das frühere US-Depot führt. Diese Hauptachse des Gewerbegebiets »Alter Flughafen« wird Lufthansastraße heißen, hat der Magistrat auf Vorschlag der Straßenbenennungskommisson beschlossen.

20 000 bei Flughafen-Einweihung

Eigentlich müsste sie Luft-Hansa-Straße heißen, denn laut Magistrat hieß die Fluggesellschaft, die ab 1926 die Strecken Frankfurt-Gießen und Frankfurt-Gießen-Kassel mit ihren Junkers-Flugzeugen betrieb, Deutsche Luft Hansa AG. Zwischen ihr und der heutigen Lufthansa gebe es keine rechtliche Kontinuität, erklärt die Stadt.

Begonnen hatte die kurze Ära der zivilen Luftfahrt im Mai 1925 mit einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung, sich mit 50 000 Reichsmark an der Oblag zu beteiligen. Daneben stellte die Stadt das im Juli 1925 im Rahmen eines gigantischen Volksfests mit 20 000 Besuchern eingeweihte Flugfeld und übernahm die Kosten des Ausbaus. Die Debatten von damals über den Sinn dieser Investitionen erinnern stark an die aktuellen Diskussionen über das Für und Wider von Regionalflughäfen wie Kassel-Calden. Die Oblag hatte 1925 die Südwestdeutsche Luftverkehrsgesellschaft und spätere Luft Hansa AG überzeugt, Gießen in ihren Linienbetrieb einzubinden.

Schon 1785 in die Luft gegangen

Auch mit zwei anderen Straßenbenennungen in dem Gebiet knüpft die Stadt an die Luftfahrthistorie an. Zwei Nebenstraßen im früheren US-Depot sollen an den Konstrukteur und Künstler Wilhelm Heinrich Focke und den ganz frühen Flugpionier Carl Friedrich Meerwein erinnern. Letzterer soll sich im Jahr 1785 mit einer Flügelkonstruktion von einem erhöhten Punkt in Gießen in die Lüfte geschwungen haben. Damit wäre Meerwein noch rund 25 Jahre vor dem berühmten »Schneider von Ulm« in die Luft gegangen. Es soll jedenfalls einer der ersten Versuche des Badensers mit seinem »Ornithopter« gewesen sein, heißt es aus verschiedenen Quellen. Sein mit Muskelkraft betriebenes Fluggerät bestand aus einer Holzkonstruktion, die mit Papierbahnen bespannt war und von Bindfäden zusammengehalten wurde. In Gießen hielt sich der Hochfürstliche Baadische Landbaumeister im Sommer 1785 auf, um seinen Schwager Johann August Schlettwein, der Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Universität war, zu besuchen. Meerweins Gießener Flug soll aber gescheitert sein.

FC-Bayern-Gründer auf Distanz zu Nazis

Der Lokalhistoriker Heinz Minke aus Wettenberg hat über Meerwein recherchiert und vor einigen Jahren einen Aufsatz veröffentlicht. Damals wünschte er sich, dem Flugpionier, nach dem im Badischen unter anderem eine Grundschule benannt ist, werde auch in Gießen ein Denkmal gesetzt. Nun wird es eine Straße, die nach dem frühen Drachenflieger benannt wird. »Das freut mich sehr«, kommentiert Minke die Entscheidung des Magistrats.

Keine nähere Beziehung zu Gießen hatte der Konstrukteur Wilhelm Heinrich Focke (1878-1974), nach dem die dritte Straße in dem Gewerbegebiet genannt wird. Focke war Flugpionier, gleichzeitig ein bekannter Maler und Bildhauer und gehörte im Jahr 1900 zu den Gründern des Fußballvereins FC Bayern München. Zu den Nationalsozialisten ging Wilhelm Focke, anders als sein Bruder Henrich, der die Focke-Wulf-Werke gründete und für die Nazi-Luftwaffe die berühmten Jagdflugzeuge wie die Focke-Wulf 190 konstruierte, auf Distanz. Dies wird vom Magistrat in der Vorlage, die die Stadtverordnetenversammlung am kommenden Donnerstag beschließen soll, betont.

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