15. September 2019, 14:00 Uhr

Gewerbepark

Lützellindener trauen dem Braten nicht

Wer glaubt, die Gegner des Gewerbeparks in Lützellinden seien besänftigt, irrt: 200 Personen besprachen am Donnerstag im Gemeindehaus das weitere Vorgehen. Sie trauen dem Planungsstopp nicht.
15. September 2019, 14:00 Uhr
Diese Lützellindener wollen sich künftig in einer Bürgerinitiative gegen neue Gewerbegebiete engagieren. (Foto: chh)

Was ist schöner als ein italienischer Sonnenuntergang? Ein Sonnenuntergang in Lützellinden. Das sagt zumindest Francesco. Und er muss es wissen. Der junge Mann ist Italiener, wohnt aber seit drei Jahren in Lützellinden. Am Freitagabend betonte er im evangelischen Gemeindehaus, wie schön die Natur rund um seine neue Heimat sei. Und dass er hier die beeindruckendsten Sonnenuntergänge seines Lebens gesehen habe. »Besser als in Italien.« Deshalb wolle er auch weiter kämpfen. Für einen naturbelassenen Ort. Und gegen ein weiteres Gewerbegebiet.

Francesco war einer von knapp 200 Lützellindenern, die der Einladung zur Bürgerversammlung gefolgt waren. Ortsvorsteher Markus Sames war sichtlich erstaunt über die Resonanz. Zumal die Gegner des Gewerbegebiets gerade erst einen großen Erfolg gefeiert haben. In den vergangenen Tagen hatten zunächst SPD und CDU erklärt, die Pläne für das bis zu 40 Hektar große Gewerbegebiet auf der Westseite der Rheinfelser Straße auf Eis legen zu wollen. Dementsprechend fiel am Dienstag auch das Votum im Bauausschuss aus. Am Mittwoch meldeten sich dann auch die Grünen zu Wort. Sie seien »erleichtert« vom Abrücken der Pläne, wertvolle und fruchtbare Ackerböden dürften nicht für neue Logistikzentren geopfert werden. Es wäre also eine riesengroße Überraschung, wenn die Stadtverordneten in ihrer nächsten Sitzung am Gewerbegebiet festhalten sollten.

Kein Wunder, dass Ortsvorsteher Sames gut aufgelegt war. »Vor vier Wochen hätten wir uns nicht träumen lassen, wie weit wir heute sind«, sagte er am Donnerstagabend. Man dürfe sich aber nicht täuschen lassen: »Das ist ein erster Schritt. Aber auch nicht mehr.« Denn die Mitglieder des Ortsbeirats - neben Sames hatten auch Elke Koch-Michel, Sebastian Heye und Tanja Michael vor dem Publikum Platz genommen - machten keinen Hehl daraus, dass sie dem Braten nicht trauen. »Es ist nur aufgeschoben. Nach der nächsten Kommunalwahl wird das Thema wiederkommen«, prophezeite Koch-Michel und fordere von allen Mitstreitern einen langen Atem. Heye sah es ähnlich, er bezeichnete den Sinneswandel der Fraktionen als »Schachzug«. Daher sei es umso wichtiger, weiter aktiv zu bleiben. Dafür habe man eigens eine Internet- und eine Facebookseite eingerichtet, eine ins Leben gerufene Online-Petition verzeichnete am Donnerstagabend bereits 680 Stimmen. Koch-Michel brachte »als weiteres Schwert« einen Bürgerantrag ins Spiel, für den laut Bürgerbeteiliungssatzung der Stadt mindestens ein Prozent der Lützellindender unterschreiben müssten. Sames, Koch-Michel und Heye warben dabei insbesondere um die Beteiligung junger Lützellindener. Schließlich seien sie es, die am längsten unter einem Gewerbegebiet zu leiden hätten.

Worte auf fruchtbarem Boden

Die Worte des Ortsbeirats fielen auf fruchtbaren Boden. Die vielen Besucher beteiligten sich rege an der Diskussion. Sie kritisierten nicht nur (»Taschenspielertrick«), sondern brachten auch konkrete Ideen ein, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Man könne zum Beispiel auf den Lützellindener Feldern erzeugte Lebensmittel in Gießen verkaufen, Infostände organisieren, E-Mails an die Stadtverordneten schreiben, mehr Protestschilder aufhängen, die Jugend von »Fridays for Future« einbinden und vieles mehr. Am Ende der Sitzung fand sich eine Gruppe von über 20 Frauen und Männern zusammen, die diese und weitere Aktionen in einer Bürgerinitiative vorantreiben wollen.

Auch Francesco will sich einbringen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Justus-Liebig-Universität regte an, eine Grafik zu erstellen, die das Ausmaß eines Gewerbegebiets sichtbar machen würde. Ein Vorschlag, der von seinen Mitstreitern mit viel Applaus quittiert wurde. Mehr Zustimmung gab es an diesem Abend nur für die Hommage an die rote Sonne, die bei Lüli im Feld versinkt.

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