27. September 2017, 13:00 Uhr

Gießener Stadtteile

Lützellinden »von oben«

Lützellinden gehört erst seit 1979 zu Gießen. Es hat allerdings eine lange Geschichte, dazu gehört eine Kuppelei zwischen Preußen und Hessen.
27. September 2017, 13:00 Uhr

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Wer sich einen Stadtplan von Gießen anschaut, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Irgendwie gehört Lützellinden nicht richtig dazu. Der Vorort liegt im äußersten südwestlichen Zipfel der Stadtgrenzen, weiter von der City entfernt als alle anderen Stadtteile. Dafür war das Dorf, das 790 erstmals urkundlich erwähnt wurde, sehr lange selbstständig, nämlich bis 1976.

Dann wurde Lützellinden erst der Stadt Lahn zugeschlagen und nach deren Auflösung im Jahr 1979 der Stadt Gießen, obwohl die Einwohnerschaft damals eher nach Wetzlar tendierte.

Der Kreis Wetzlar gehörte früher zur Rheinprovinz und war somit preußisch. Die Nachbarorte im Altkreis Gießen gehörten zu Hessen-Nassau. Damit mag auch zusammenhängen, dass Lützellinden und das benachbarte Allendorf früher ein so inniges Verhältnis pflegten wie Köln und Düsseldorf.


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Beliebter Treffpunkt für Jugendliche

Seit die Nachbarn jedoch gemeinsam in einem Freibad schwimmen, ist das Verhältnis sehr entspannt. Nicht weit von diesem Schwimmbad entfernt befand sich bis Anfang der siebziger Jahre die Gartenwirtschaft »Zum Kleebachtal«, im Volksmund »Beim Fried« genannt. Das war ein beliebter Treffpunkt für die Jugendlichen beider Orte. Der frühere Ortsvorsteher Hugo Görlach erinnert sich an das damals kursierende Gerücht, dass ein mündlicher Vertrag mit dem Allendorfer Bürgermeister bestehe, wohlgeratene Töchter aus Lützellinden mit adäquaten Jünglingen aus Allendorf zu verbinden - was in einigen Fällen auch gelungen sei.

Lützellinden wird gerne der ländlich geprägte Stadtteil von Gießen genannt, weil er sich seinen dörflichen Charakter bewahrt hat. Die ausgedehnten landwirtschaftlichen Flächen werden von einem Vollerwerbslandwirt und zehn Landwirten im Nebenerwerb bewirtschaftet.

Stolz auf Heimatmuseum

Früher hatte natürlich die Landwirtschaft eine noch weit größere Bedeutung für das Dorf. Darin erinnern bis heute viele Hofreiten. Deren hohen Hoftore mit Schnitzereien und Holzarchitektur sind Zeugnisse dörflicher Zimmermannskunst. Zwei Häuser sind aus Sicht des früheren Ortslandwirts Hugo Görlach besonders erwähnenswert: das Fachwerkhaus An der Schule 8, das »Adam-und-Eva-Haus« und das »Steinerne Haus« in der Rheinfelser Straße 41.

Stolz sind viele Lützellindener zudem auf ihr über 20 Jahre altes Heimatmuseum, das das Alltagsleben früherer Zeiten dokumentiert. An jedem zweiten Sonntag im Monat ist es im früheren Rathaus geöffnet.

Eintrag ins Guinnesbuch

In jüngerer Zeit macht Lützellinden mehr als Gewerbestandort von sich reden. Die Umwidmung wertvollen Ackerbodens westlich des Dorfs konnte bisher weitgehend verhindert werden, aber zwischen verlängerter Rheinfelser Straße und Autobahn ist die inzwischen weitgehend besiedelte Gewerbefläche »Rechtenbacher Hohl« entstanden. »Im Sporn« ist ein neues Wohngebiet für Ein- und Mehrfamilienhäuser ausgewiesen. Inzwischen hat der Stadtteil rund 2500 Einwohner.

Im September 1980 machte Lützellinden sogar einmal weltweit auf sich aufmerksam. Der örtliche Flugplatz war nämlich Ausgangspunkt für einen Eintrag ins Guinnesbuch der Rekorde. Stuntman Jaromir Wagner, damals 41, flog auf der Tragfläche eines zweimotorigen Flugzeuges stehend, mit drei Zwischenlandungen nach New York. Bei Temperaturen von bis zu 40 Grad minus betrug die reine Flugzeit 46 Stunden. Das Flugzeug wurde von einem Piloten des hiesigen Aero-Clubs gesteuert.

Im Normalfall ist der Lützellindener Sonderlandplatz das Domizil von Motor- und Ultraleichtfliegern. Dazu gesellt haben sich Fallschirmspringer als halb Hessen. Deren Sport ist hübsch anzusehen, doch belastet vor allem an Wochenenden der Lärm der Transportmaschinen die Wohnnachbarschaft.

Unvergessen: Europapokalsieg

Handball gehört seit Gründung des Turnvereins im Jahr 1904 zu Lützellinden. Unvergessen sind bei der älteren Bevölkerung die Feldhandballspiele, besonders die Lokalderbys gegen Hörnsheim, Hochelheim oder Münchholzhausen. Hugo Görlach hat sie als kleiner Junge manchmal miterlebt. Er hat gehört, dass Schiedsrichter-Entscheidungen mitunter kleinere bis größere Differenzen unter den Zuschauern auslösten. Die sollen sogar mit Schirmen und Stöcken ausgetragen worden sein.

Überregional bekannt wurde das Dorf in den achtziger Jahren durch die Erfolge der Frauenhandball-Mannschaft des TV Lützellinden, die siebenmal Deutscher Meister sowie 1991 Europapokalsieger wurde. Die Ära endete allerdings mit einer Pleite und der Auflösung des Vereins. So entstand der TSV 2006 Lützellinden.

Zusatzinfo

"... von oben"

In unserer Serie »... von oben« präsentieren wir Fotos, die unser Luftfotograf Manfred Henß von seinem Ultraleichtflugzeug aus aufgenommen hat. Sie, liebe Leserinnen und Leser, erhalten so neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive. Dazu gibt es kleine Geschichten über die Orte.

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