13. Januar 2013, 18:58 Uhr

Lohnende Wiederentdeckung: »Marat/Sade« im Stadttheater

Regisseur Klaus Hemmerle hat das Nach-Revolutionsdrama von Peter Weiss klug gekürzt. Das Ensemble präsentiert sich in blendender Spiellaune.
13. Januar 2013, 18:58 Uhr
Das Stück wird am langen Tisch verhandelt (v. l.): Wolfram Karrer, Milan Pešl, Pascal Thomas, Vincenz Türpe, Lukas Goldbach (liegend) und Rainer Hustedt. (Foto: Wegst)

Ein Stück wird verhandelt mit dem langen sperrigen Titel »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade«, im Fachjargon kurz »Marat/Sade« genannt. Seinerzeit bei der Uraufführung 1964 in Berlin als Sensation gefeiert, sprengte doch Peter Weiss’ Nach-Revolutionsdrama althergebrachte Sicht- und Spielweisen, bot erfrischend Neues auf den von statuarischen Klassikern geprägten deutschen Bühnen. Aber dann verschwand es irgendwie in der Versenkung, vielleicht ob der Respekt einflößenden Zahl der Mitwirkenden. Ab und zu wird es noch ins Rampenlicht gezerrt wie 2008 bei der Aufsehen erregenden Inszenierung von Volker Lösch in Hamburg, der in seiner modernisierten Fassung nicht nur einen Chor der Arbeitslosen auftreten ließ, sondern auch eine Liste der 28 superreichen Hamburger verlas. Das sorgte für heftige Proteste.

Klaus Hemmerle erspart dem Gießener Publikum im Stadttheater dererlei Aktualisierungsversuche. Er hat den Weiss’schen Text auf seinen Bestand abgeklopft und eine intelligent zusammengestrichene Version erstellt, die sich auf die Hauptpersonen konzentriert und in die Länge ziehendes Beiwerk wohltuend weglässt. Herausgekommen ist ein vor Spielfreude strotzender kurzweiliger Abend, an dem sich das achtköpfige Schauspielensemble plus Musiker Wolfram Karrer in blendender Laune präsentieren. Sehr zur Freude des Premierenpublikums am Samstagabend, das am Ende nach pausenlosen 100 Minuten begeistert applaudierte und vereinzelt Bravo rief.

Dabei lässt Hemmerle keinerlei Nachlässigkeiten zu. Jeder agiert präzise, auch gesanglich gut disponiert. Denn die mitreißende Musik von Hans-Martin Majewski in der Begleitung von Karrer am Akkordeon und Milan Pešl an der Gitarre hat Ohrwurmcharakter. »Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?«, intonieren sie immer wieder vielstimmig. Und bringen damit die zentrale Frage auf den Punkt. Was folgt auf den blutigen Umsturz? Nur noch weitere Tote? Oder wie de Sade sarkastisch meint: »Und dann stehen sie da und alles ist, wie es früher war.«

Es gibt viele Überraschungen in dieser klugen Inszenierung. Da ist zum einen die Theater-auf-dem-Theater-Situation, die der Regisseur raffiniert ausbaut. Die ersten 25 Minuten des Dramas in zwei Akten werden nämlich am langen Tisch verhandelt, Regieanweisungen genau gelesen, Ortssituationen ausführlich beschrieben. Doch dann brechen sie nach und nach aus der statischen Situation aus, streifen sich Kostüme über, ergreifen den Raum, der sich in verblüffender Einfachheit nach dem Öffnen des schwarzen Vorhangs bietet.

Um das Eingesperrtsein zu symbolisieren, hat die Bühnenbildnerin Johanna Maria Burkhart nämlich ein haushohes Gitternetz gespannt, ganz so wie man es aus dem Zoo oder vom Sportplatz als Begrenzung kennt. Wie die Affen im Käfig hängen die agilen Akteure hier in den Seilen. Für sie gibt es kein Entrinnen, nur die Anstaltsleiterin Coulmier – von Ana Kerezovic mit souveränem Lächeln verkörpert – darf das geschlossene Terrain verlassen, um das irrsinnige Treiben in Ruhe von außen zu betrachten.

Weitere Überraschungen liegen im Detail. Dann etwa, wenn der verliebte Duperret (Pascal Thomas bedient rollengemäß den eitlen Schönling) mit seiner angebeteten Charlotte Corday, von Mirjam Sommer wach und aufmüpfig gezeichnet, auf einem alten Stuhl in den Untergrund verschwindet, um wenige Minuten später in den herrlichsten historischen Roben (Kostüme: Yvonne Forster) wie Phönix aus der Asche emporzufahren und gemeinsam ein Tänzchen zu wagen. Oder wenn Vincenz Türpe sich die Allongeperücke überstülpt und mithilfe von aufblasbaren Einmalhandschuhen wissenschaftliche Theorien ad absurdum führt. Und dann wäre da noch der spektakuläre Auftritt der Badewanne aus dem Unterboden – unverzichtbares Requisit jeder Inszenierung, sitzt der kranke Marat doch – sich ständig kratzend – in ihr, um seine Gedanken zur Revolution zu sortieren und verzweifelt niederzuschreiben. Hier in der Wanne wird die Corday ihn schließlich erstechen: »Ich töte einen, um Tausende zu retten.« Und der Marquis de Sade, der schon längst den Glauben an die Revolution verloren hat, führt ihr den Dolch.

Sie liefern sich ein veritables verbales Pingpongspiel – der Adlige und der Vordenker. Wobei de Sade letztendlich im Vorteil bleibt und Harald Pfeiffer sicher bis zum Schluss die Zügel in der Hand hält, um den Zynismus seiner Figur in allen Facetten auszukosten. Lukas Goldbach wirkt da als Marat unbedarfter, fast schon hilflos. Wenn Rainer Hustedt als sozialistischer Pfarrer Roux ihn mit seinen starken Armen aus der Wanne hebt, stellen sich unweigerlich Assoziationen an den vom Kreuz genommenen Jesus ein.

Nicht nur ehemaligen Schülern, die das Revolutionsdrama von Weiss aus dem Unterricht noch in übler Erinnerung haben, sei der Besuch dieser brillanten Aufführung unbedingt empfohlen! Marion Schwarzmann

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