27. Januar 2013, 17:13 Uhr

Liebigschule spielt »Besuch der alten Dame«

Cyborgs, Zahlenmystik und ein schief singender Dorfchor – Wie das mit Dürrenmatt zusammenhängen kann, zeigt die Liebigschule in diesen Tagen mit dem Theaterstück »Der Besuch der alten Dame«. Der Besuch der Generalprobe hat einen Vorgeschmack gegeben.
27. Januar 2013, 17:13 Uhr
Die vielfache Cyborg-Version von Claire Zachanasian. (ali)

Sanfte Musik spielt. Dorfbewohner warten am Bahnhof, immer wenn ein Zug vorbeifährt, rennen sie zum Bahnsteig. Dem Bewohner Ill (mit Lukas Röll hervorragend besetzt) wird gerade verkündet, er solle aufgrund seiner Beliebtheit zum zukünftigen Bürgermeister ernannt werden, da bremst ein Zug. Aus einem Waggon steigt Claire Zachanassian mal Neun. Denn die »alte Dame« ist keineswegs eine Dame in Nerzmantel und Handtäschchen, nein – sie besteht aus neun schwarz gekleideten Borgs, die im Chor zu den Dorfbewohnern sprechen. So viel zum Beginn des Stücks, dessen Handlung zusammengefasst folgende ist: Milliardärin Claire Zachanassian kehrt nach 45 Jahren zurück in ihre Heimatstadt in die verarmte Provinz Güllen. Eine rettende Spende knüpft sie an die Bedingung, dass ihr ehemaliger Geliebter, Verführer und Verräter Ill getötet wird. Eine Racheaktion also, dessen Ausführung das Dorf in moralische Verwirrung bringt. Zachanassian nistet sich ein und wartet ab. »Ich will Gerechtigkeit, denn ich kann sie mir leisten« spricht Zachanassian.

Mit dem Thema Gerechtigkeit und Moral haben sich 35 Schüler und drei Lehrer der Liebigschule seit den Herbstferien auseinandergesetzt. Allen voran Regisseur Andreas Czerney, der an der Schule Musik und Darstellendes Spiel unterrichtet. Der ausgebildete Opernsänger hat im Vorfeld ein Konzept ausgeklügelt, das das Theaterstück von 1956 in die heutige Zeit transponiert und Science-Fiction-Elementen nutzt, um das Stück zu erklären. Länderflaggen auf den Kostümen verdeutlichen einen europäischen Bezug zur Thematik. Die Entscheidung, die Dame mit neun synchron sprechenden Cyborgs zu besetzen, vergleicht die Figur mit der mechanischen Gefühlskälte der Borg, die – wie die Dame – andere Lebewesen assimilieren, um sich selbst weiterzuentwickeln. Auch Teil des Regiekonzeptes ist die Zahl Drei: Auf der dreiteiligen Arenabühne finden jeweils 33 Zuschauer Platz, die Dame besteht aus 3 mal 3 Borg mit jeweils drei Prothesen an Arm, Bein und Auge, es gibt drei Spielorte des öffentlichen Lebens – und da findet sich noch mehr. Weitere Details wie ein schief singender Dorfchor (von Chorleiter Hermann Wilhelmi vorbereitet), essbare Requisiten (Zigarren werden nicht geraucht, sondern gegessen) und deren symbolische Verwendung (gelbe Schuhe werden durch Socken dargestellt) zeigen kreatives Talent.

Durch gezielten Einsatz von Stille, Sprache und bewusster Gestik zeigt sich ein Theaterstück, das ein großes Vorhaben souverän umsetzt. Mit einfachen Mitteln spannend unterhalten, das gelingt der Liebigschule. Eine Einführung in das Stück gibt eine Stunde vor Vorstellungsbeginn eine Bildschirmpräsentation des Kurses »Video und Medien«, der ebenfalls von Czerney geleitet wird. Ins Licht gesetzt wurde das Stück von Schüler Noel Kühn, der das Konzept als Abiturprüfung angerechnet bekommt. Die Liebigschule zeige sich unglaublich offen für derartige Projekte, so Czerney lobend. Damit unterstützt sie nicht zuletzt die Botschaft des Stücks, dass aus dem kapitalistischen Denken nur herauskomme, wer sich wieder den kleinen Dingen des Alltags widme.

Premiere ist am Montag, 28. Januar, um 19 Uhr. Weitere Vorstellungen sind am 29. und 31. Januar sowie am 1. Februar. Spielort ist die Aula, im benachbarten Computerraum (A 304) findet jeweils um 18 Uhr die Einführung in das Stück statt. ali

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