14. September 2017, 20:23 Uhr

Lieber Staffelei als Zigarrenfabrik

14. September 2017, 20:23 Uhr
Das Selbstporträt entstand 1952. (Fotos: dkl)

Gießen (dkl). Als Hellmuth Müller am 15. September 1892 in Gießen geboren wurde, da war sein künftiges Berufsleben eigentlich vorgezeichnet. Die elterliche Zigarrenfabrik sollte er übernehmen. Doch der junge Mann hatte künstlerische Ambitionen und konnte diese auch teilweise umsetzen. Von 1907 bis zum Abitur 1912 besuchte er das altsprachliche Gymnasium in Worms, dann begann der mit dem Medizinstudium an der Universität Gießen. Über die gesamte Zeit des Ersten Weltkriegs diente er als Soldat.

Danach orientierte er sich neu, lernte 1919/20 bei dem Gießener Bildhauer Johannes Ködding. Im Juni 1920 heiratete er Elsbeth Leutert, die Tochter des HNO-Professors Ernst Leutert; die Familien-Villa an der Ostanlage trägt bis heute diesen Namen. Das junge Ehepaar wählte den Doppelnamen in der Schreibweise Mueller-Leutert. Wohl bestärkt durch die neue Situation nahm er sein Kunststudium 1920/21 an der Städelschule bei Prof. Hermann Treuner auf. 1922 bis 1924 studierte er an der Kunstschule Hans Hofmann in München.

Der Maler Hellmuth Mueller-Leutert war geprägt von den Kunstbewegungen dieser Jahre. Er malte im Stil der Neuen Sachlichkeit, orientierte sich an Max Beckmann. Ab 1924 hatte er sein Atelier im Elternhaus Marburger Straße 35, neben der Zigarrenfabrik. 1927 ist er als Geschäftsführender Gesellschafter des Familienbetriebs geführt. Auch im Zweiten Weltkrieg war er wieder als Soldat eingezogen. Nach seiner Rückkehr lebte er in der Villa der Schwiegereltern, denn das elterliche Wohnhaus und die Fabrik waren kriegszerstört, damit waren auch seine frühen Bilder verbrannt. 1956 verkaufte er die Immobilie und lebte fortan als Privatier. Er war mittlerweile 64 Jahre alt, aber als Künstler startete er noch einmal durch.

Es begann eine intensive Zeit des Malens und Reisens. Seit Mitte der 1920er Jahre hatte er Kontakte zu den heimischen Künstlerkollegen aufgebaut und gehalten, hatte einige von ihnen auch porträtiert, etwa Lotte Droese. Er war ab 1938 Mitglied der Willingshäuser Malerkolonie und 1943 Mitbegründer des Oberhessischen Künstlerbunds.

Seine erste große Einzelausstellung hatte Hellmuth Mueller-Leutert im Herbst 1967 in der Kunsthalle der Kongresshalle, die im Jahr zuvor eröffnet worden war. Sein Biograf Dr. Peter Petersen nutzte die Gelegenheit der Vernissage und forderte mit deutlichen Worten ein Museum für Gießen, damit die verstreuten Sammlungen endlich wieder würdig präsentiert werden könnten. Es sollte noch bis 1980 dauern, ehe das Alte Schloss wiederaufgebaut und als Museum eröffnet sein würde.

Mueller-Leutert war nicht nur unter Künstlerkollegen geschätzt, auch die damaligen Kunstkritiker lobten sein Kunstschaffen. Als erstes tat dies der gleichaltrige Werner Bock, ebenfalls Sohn eines Gießener Zigarrenfabrikanten mit künstlerischer Neigung. Er bezeichnete er ihn als »Maler hessischer Landschaft«, was heute nur ansatzweise nachvollziehbar ist, denn von Mueller-Leuterts Frühwerk ist nur die Gießen-Ansicht von der Liebighöhe aus (von 1928, siehe Foto) im Oberhessischen Museum erhalten. Das Thieme-Becker-Künstlerlexikon nahm 1948 einen biografischen Eintrag vor, in den 60er Jahren publizierte der Kunstkritiker Peter Petersen mehrmals über ihn, ihm verdankt sich auch das Werkverzeichnis (Katalog 1982). Es reihten sich ein: der neue Kulturreferent Kurt F. Ertl (in Gießen 1972-76), die Darmstädter Kunsthistorikerin Margarete Dierks, der spätere Gießener Museumsdirektor Friedhelm Häring.

Mueller-Leutert zählte 1969 auch zur »Gruppe 9«, die sich vom Oberhessischen Künstlerbund abspaltete, weil ihnen dieser zu konservativ geworden war. Die Gruppe 9 trat 1970 mit einer viel beachteten Ausstellung in der Jahrhunderthalle Höchst (Frankfurt) an die Öffentlichkeit. Mueller-Leutert zeigte dort zum ersten Mal seine rein abstrakten Bilder, Kompositionen aus Farbe und Form. Er starb am 5. Dezember 1973, nach seiner zweiten großen Einzelausstellung.

Die Witwe sorgte für weitere Ausstellungen, 1978 schenkte sie 18 Werke an das Oberhessische Museum. Zusammen mit den fünf vorher angekauften besitzt das Gießener Museum also 23 Werke von Mueller-Leutert, wie Petersen 1982 akribisch auflistet; mittlerweile sind es mehr.

1983 starb Elsbeth Mueller-Leutert, sie ist neben ihrem Mann im Familiengrab Müller auf dem Alten Friedhof beigesetzt (gegenüber von Röntgen). 1993 folgte die letzte Gedächtnisausstellung in Gießen. Bei der Gelegenheit lernte die Verfasserin dieses Beitrags das Werk erstmals kennen. Mittlerweile erinnert sich kaum noch jemand an ihn, auch im Museum waren seine Bilder seit Längerem nicht mehr zu sehen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Abitur
  • Berufsleben
  • Bilder
  • Erster Weltkrieg (1914-1918)
  • Hans Hofmann
  • Kunstkritiker
  • Malerinnen und Maler
  • Max Beckmann
  • Medizinstudium
  • Museen und Galerien
  • Peter Petersen
  • Soldaten
  • Dagmar Klein
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos