27. Juni 2017, 07:53 Uhr

Brandschutz

Leere Flure als Lebensversicherung

Nach dem Brand im Grenfell Tower sind in London weitere Hochhäuser evakuiert worden. Wie sicher sind die Mieter in den 22 Gießener Hochhäusern?
27. Juni 2017, 07:53 Uhr
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Von Steffen Hanak , 1 Kommentar

Das in die Jahre gekommene Treppenhaus als schmucklos zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Wer im Dörmann-Hochhaus die Stufen nach oben steigt, sieht außer Geländer, Wand und Boden nichts. Diese Tristesse ist die »Lebensversicherung« der Bewohner, unterstreicht Martina Klee, Chefin der Gießener Feuerwehr. Flure und Treppenhäuser sind die Fluchtwege, über die Bewohner im Brandfall nach draußen gelangen können. Aber nur, wenn diese nicht vollgestellt sind mit zum Teil leicht brennbaren Schuhen, Schränkchen, Kinderwagen und Sperrmüll. Auch die selbstschließenden Türen zwischen Flur und Treppenhaus dürften in keinem Fall mit kleinen Hölzchen verkeilt werden, betont Klee. Sonst kann sich im Brandfall der gefährliche Rauch auch auf den Fluchtwegen ausbreiten.

Dass die Einhaltung dieser Vorgaben trotzdem keine Selbstverständlichkeit ist, weiß Reinhard Thies, Geschäftsführer der Wohnbau Gießen GmbH, die in der Stadt neun der 22 Hochhäuser betreibt. »Es ist in der Kommunikation mit unseren Mietern ein ständiges Spagat zwischen deren Interessen und dem Sicherheitsaspekt«, sagt Thies. Dabei denkt er zum Beispiel an Bewohner, die ihre Schuhe aus kulturellen Gründen am liebsten vor der Wohnung lagern.

In den 13 Stockwerken des 1960 errichteten Dörmann-Hochhauses mit seinen 60 Wohnungen trifft man in den Fluren häufig auf Bewohner. Natürlich ist das Feuer von London ein Thema. Sorgen machen sich aber nur die wenigsten. »Ich habe keine Angst«, sagt einer. In solchen Situationen »zahlt sich deutsche Gründlichkeit aus«.

In der Tat: Die Materialien, die an der Fassade des Grenfell Towers in Brand gerieten und offenbar maßgeblich zur Ausbreitung der Flammen beitrugen, dürfen an Hochhäusern in Deutschland laut spezieller Baurichtlinien für Häuser mit einer Höhe ab 22 Metern seit 1983 gar nicht mehr verbaut werden. Elfie Dörmann, Geschäftsführerin der Betreiberfirma des Dörmann-Hochhauses, bestätigt das. Als in den 1990er Jahren die Fassade des gut 40 Meter hohen Gebäudes saniert wurde, seien keine brennbaren Materialien mehr verwendet worden. Stattdessen Glaswolle zur Isolierung. Die nutzt derzeit auch die Wohnbau bei der Dämmung der drei 13-stöckigen Hochhäuser in der Eichgärtenallee. Weitere Sicherheitsmaßnahmen dort sind rauchfreie Treppenhäuser, Löschschläuche auf jedem Geschoss und Rauchmelder in den Wohnungen. Sprinkleranlagen den Fluren gibt es nicht. »Da kann aber auch nichts brennen«, betont Thies.

Auch die oberste städtische Brandschützerin Klee gibt Entwarnung: Die Außenwände sowie die Decken und Böden jeder Wohnung in einem Hochhaus halten einem Feuer bis zu 90 Minuten lang stand. Die Flammen aus benachbarten Apartments könnten deshalb nicht sofort übergreifen. Einsatzkräfte haben daher genug Zeit, zu den Betroffenen vorzudringen und sie zu befreien. Sollte der Fluchtweg verraucht sein, verteilt die Feuerwehr »Fluchthauben«. Das sind spezielle Mützen mit Sehschlitzen, die über den Kopf gezogen werden. Sie haben vor Nase und Mund Filter, um die giftigen Rauchgase unschädlich zu machen.

Kritisch sieht die Beamtin, dass die strikte Baurichtlinie zur Fassadendämmung mit nicht brennbarem Material nur für Hochhäuser, aber nicht für mehrstöckige Gebäude gilt, deren Höhe weniger als 22 Meter beträgt. Das bei niedrigeren Wohnblöcken oft eingesetzte Polystyrol sei »ein Teufelszeug, wenn es einmal brennt«.

 

Nach drei Atemzügen bewusstlos

 

Allerdings kann es in Deutschland Fassadenbrände wie in London selbst dann nicht geben, wenn Polystyrol verbaut wurde, erklärt Wohnbau-Geschäftsführer Thies. Laut Bauvorschrift muss in so einem Fall nach jedem zweiten Geschoss ein »Brandriegel« eingezogen werden – ein das Haus umlaufendes Band mit nicht brennbarem Dämmmaterial. Der Kritik Klees, dass Fassaden niedrigerer Wohnblöcke zum Teil auch mit brennbaren Materialien verkleidet werden dürfen, hält Thies entgegen, dass die nicht brennbaren Dämmstoffe etwa 30 Prozent teurer seien und die Mieten im sozialen Wohnungsbau nach oben treiben würden. Von den neun Wohnbau-Hochhäusern, die meist in den 1960er Jahren errichtet wurden, sei keines jemals mit brennbarem Material gedämmt gewesen, erklärt Thies. Damals sei schlicht noch nicht gedämmt worden. Die später aufgesetzten Dämmstoffe seien genau wie in der Eichgärtenallee alle nicht brennbar.

Doch wie sollte man sich verhalten, wenn die Fluchtwege doch einmal verraucht sind? Auf jeden Fall in der Wohnung bleiben und die »112« wählen, rät Feuerwehrchefin Klee. Schon drei Atemzüge in einem völlig verqualmten Gebäude können zur Bewusstlosigkeit führen. (Foto: Schepp)

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