22. Oktober 2019, 11:00 Uhr

Strafprozess beginnt

Lebensgefährliche »Experimente« an Frauen

Ein Mann soll über 80 Frauen dazu überredet haben, sich selbst Stromschlägen auszusetzen. Ab Mitte November wird ihm in München der Prozess gemacht. Eines seiner Opfer kommt aus Gießen.
22. Oktober 2019, 11:00 Uhr
Übers Hausstromnetz sollen sich über 80 Frauen auf Anleitung des Beschuldigten selbst Stromschlägen ausgesetzt haben. (Foto: Schepp)

Sie hatten wohl alle die Hoffnung auf einen lukrativen Nebenjob. Dass er lebensgefährlich sein könnte, davon ahnten sie wahrscheinlich nichts. Ein 30 Jahre alter Mann soll sich als Wissenschaftler ausgegeben und bundesweit junge Frauen dazu gebracht haben, sich selbst Stromschläge zu versetzen. Über mehrere Jahre sollen so über 80 Opfer zusammengekommen sein - sie alle überlebten den teils lebensgefährlichen Kontakt mit dem Strom. Eine von ihnen kommt aus Gießen. Sie tritt als Nebenklägerin in dem Prozess auf, der am 12. November vor dem Landgericht München beginnt, wie die dortige Pressestelle gegenüber dieser Zeitung bestätigt. Der Vorwurf lautet auf 88-fachen versuchten Mord.

Ins Rollen gebracht hatte den Fall vor eineinhalb Jahren eine damals 16 Jahre alte Schülerin aus dem bayerischen Landkreis Fürstenfeldbruck; daher auch die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft München. Wie die Tageszeitung »Die Welt« damals berichtete, hatte die junge Frau auf einer Onlineplattform einen Nebenjob gesucht. Ein Mann habe sich bei ihr gemeldet und sich als Wissenschaftler einer nahe gelegenen Universität ausgegeben, schilderte Hans-Peter Kammerer, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, der Welt. Der Mann habe eine finanzielle Vergütungen für die Teilnahme an einem angeblichen Forschungsexperiment mit Strom in Aussicht gestellt.

Dies soll der Beschuldigte mit wechselnden Identitäten bei über 80 jungen Frauen getan haben. Übers Internet soll der Mann diese dann angeleitet haben, sich provisorische Apparaturen zu bauen und anschließend über das 230-Volt-Stromnetz der jeweiligen Häuser selbst Stromstöße zu versetzen. Dabei hätten die jungen Frauen teils erhebliche Schmerzen erlitten, im schlimmsten Fall sterben können - was aber nicht geschah.

Anzeige erstattete erst die Schülerin aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck; später schloss sich die Gießenerin als Nebenklägerin an. Warum so viele Opfer sich nicht gemeldet haben? Gegenüber der Welt betonte der Polizeisprecher: »Manche haben sich sicher aus Schamgründen nicht getraut.«

Nachdem die junge Frau Anzeige erstattet hatte, bildete die Kripo Fürstenfeldbruck in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft München die Ermittlungsgruppe »Strom«. Schnell konnten sie die Identität des Mannes feststellen. Wie die Welt berichtete, wurde er im Februar 2018 an seinem Wohnsitz im Landkreis Würzburg festgenommen. Die Beamten hätten ihn dabei überrascht, als er gerade dabei gewesen sei, Kontakt mit einem neuen Opfer zu knüpfen. Dabei hätten die Beamten Datenträger mit über 200 Videos sichergestellt, die der Mann von seinen »Probandinnen« gefilmt haben soll. So konnten die Ermittler weitere junge Frauen, die auf den Mann hereingefallen sein sollen, identifizieren und kontaktieren.

Polizeilich soll der 30-Jährige ein unbeschriebenes Blatt gewesen sein, berichtete die Welt. Nach seiner Festnahme hätte er ein Teilgeständnis abgelegt. Vermutet wird, dass der Beschuldigte mit seinen Taten seinen sexuellen Fetisch befriedigen wollte. Entscheidend für den Prozess dürften in diesem Zusammenhang die psychiatrischen Gutachten werden und die Frage, ob der 30 Jahre alte Mann bei den vorgeworfenen Taten vermindert schuldfähig gewesen sein könnte. Dann wird es um die Frage gehen, ob der Beschuldigte bei einer Verurteilung in ein reguläres Gefängnis muss oder in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht wird.

Mitwirken an Schuldfrage

Bei der Aufklärung der Taten mitzuhelfen ist auch die Intension der Gießener Nebenklägerin, sagt deren Vertreter Alexander Hauer. Der Rechtsanwalt betont, seiner Mandantin gehe es weniger um die Höhe einer möglichen Strafe für den Beschuldigten, sondern um das Mitwirken bei der Schuldfrage. Die Rechte einer Geschädigten als Nebenklägerin sind klar geregelt - und gehen über die Rechte eines »einfachen« Zeugen hinaus. Über ihren Anwalt darf die Nebenklägerin Akten einsehen, hat Rede-, Antrags- sowie ein eingeschänktes Revisionsrecht. Ihr Vertreter kann außerdem ein Plädoyer halten und damit noch einmal die Sicht seiner Mandantin in das Verfahren einbringen. Ein Urteil wird Ende Januar erwartet.

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