24. März 2017, 19:43 Uhr

Lebensfeind Lungenkrebs

Lungenkrebs im Endstadium: Es gibt wenige Diagnosen, die so verheerend sind. In den höheren Stadien überleben deutlich unter zehn Prozent die ersten fünf Jahre. Ute Jung erhielt diese Diagnose. Sie wurde vergangenes Jahr an der Uniklinik Gießen operiert. Ob sie den Krebs noch in sich trägt, weiß die 52-Jährige jedoch nicht.
24. März 2017, 19:43 Uhr

Es war im zurückliegenden Sommer, als aus Ute Jungs Leben die Farbe wich. Ein grauer Schleier legte sich über ihre Welt, Trauer und Angst dominierten ihre Gefühle. Und Hilflosigkeit. »Ich dachte mir: Warum ausgerechnet ich«, sagt die 52-Jährige und wischt sich eine Träne von der Wange. Dann fügt sie mit brüchiger Stimme an: »Ich weiß nicht, ob ich diese Angst jemals wieder loswerde.« Jung hat Lungenkrebs. Endstadium.

An einem Tumor in der Lunge sterben mehr Menschen als an Brustkrebs, Prostatakrebs und Dickdarmkrebs zusammen. Bei einem nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom, unter dem auch Jung leidet, liegt im Stadium 4 die Überlebensrate in den ersten fünf Jahren bei unter zehn Prozent. Kurzum: Es gibt wenige Krankheiten, die so lebensbedrohlich sind wie Lungenkrebs.

»Das Problem ist, dass die Lunge selbst keine Schmerzfasern hat. Man spürt den Tumor also nicht. Die meisten Betroffenen gehen daher erst zum Arzt, wenn es zu spät ist«, sagt Prof. Andreas Günther, Oberarzt der Pneumologie am Gießener Universitätsklinikum sowie Chefarzt der Pneumologischen Klinik Waldhof in Elgershausen. »Meistens ist das Karzinom schon so groß, dass die Erkrankten in einem nicht mehr operablen Zustand zu uns kommen. Dann verschieben sich die Behandlungsziele von einer Heilung zu einer kontinuierlichen Begleitung des Patienten mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensqualität.« Auch bei Jung war der Tumor zunächst zu groß für eine Operation. Dass die Mediziner bei ihr trotzdem auf Heilung hoffen, hat die 52-Jährige einer relativ neuen Behandlungsmethode zu verdanken. Um die zu verstehen, muss man aber zunächst Jungs Krankheitsbild kennen.

Alles begann mit einem Husten. Keinen Grund zur Sorge, dachte sich Jung, das geht schon wieder vorbei. Ging es aber nicht, auch nicht durch die Einnahme von Medikamenten. Der Hausarzt wusste keinen Rat, schickte sie zum Dermatologen, weil es in Jungs Wohnung schimmelte. Aber auch das war nicht die Ursache. Eine Lungenärztin diagnostizierte dann Asthma, auf Jungs Wunsch erstellte sie trotzdem ein Röntgenbild. Das Ergebnis: ein sieben mal fünf Zentimeter großer Tumor in der Lunge. Später wurde noch eine Metastase im Kopf lokalisiert. »Ich habe dann ›Lungenkrebs im Endstadium‹ gegoogelt. Danach war mit klar: Innerhalb von zwei bis drei Monaten bin ich nicht mehr.«

Auf die Frage, wann sie ihre erste Zigarette geraucht hat, blickt Jung ein wenig irritiert: »Ich habe nie geraucht.« Günther nickt. Er weiß, dass die meisten Menschen Lungenkrebs direkt mit Rauchen assoziieren. »Das ist auch gar nicht so verkehrt, schließlich haben Raucher ein 20- bis 30-fach erhöhtes Risiko, an einem Bronchialkarzinom zu erkranken. Zigaretten sind aber nicht der einzige Risikofaktor.« Auch Asbest, Radon und Luftverschmutzung gehörten dazu, sagt der Mediziner. Und nicht zuletzt das Alter. Mit 52 Jahren treffe das bei Jung aber nicht zu. Bei ihr sei es, so makaber es auch klingt, reiner Zufall. »Bei Frau Jung wurde eine Treibermutation identifiziert«, sagt der Mediziner. Vereinfacht ausgedrückt: Bei den Millionen Zellteilungen, die jeden Tag in unserem Körper stattfinden, ist bei Jung einmal etwas schiefgelaufen. »In der Konsequenz ist das Tumorwachstum wesentlich auf eine solche Mutation eines für die Krebsentwicklung relevanten Signalwegs zurückzuführen«, sagt Günther. Solche Fehler kämen zwar im Verlaufe des Lebens häufiger vor, in den meisten Fällen sorge das Immunsystem aber dafür, dass solche »entarteten« Zellen schnell entfernt werden. »Bei Frau Jung hat diese Wächterfunktion aber leider nicht funktioniert.«

Der Nachweis einer solchen Treibermutation ebnete bei Jung die Anwendung einer neuen, zielgerichteten Behandlung, dem sogenannten individualisierten Therapieansatz: »Im Gegensatz zur Dampfhammermethode Chemotherapie, die auf alle rasch teilenden Zellen im Körper einwirkt, wird dabei nur der durch die Mutation überaktivierte Signalweg blockiert, der für das tumoröse Wachstum verantwortlich ist. Hierdurch können erstaunliche Therapieerfolge erzielt werden, die früher undenkbar waren«, sagt Günther. Ergänzt werden diese neuen Verfahren durch die sogenannte Immuntherapie, bei der die Wächterfunktion des Immunsystems wieder aktiviert wird und die gerade jetzt Einzug in den klinischen Alltag hält.

Bei Jung hat dieser Ansatz gut funktioniert. Durch die Therapie ist der Tumor um die Hälfte geschrumpft, während einer siebenstündigen Operation an der Uniklinik in Gießen drei Monate später konnte der Rest entfernt werden. Ob sie tatsächlich krebsfrei ist, weiß die 52-Jährige aber nicht. Schuld ist die Metastase im Kopf – beziehungsweise das, was davon übrig geblieben ist. »Wenn ein Tumor zusammenfällt, bleibt häufig vernarbtes Gewebe zurück. Eine Bestrahlung des Kopfes ist in der gemeinsamen Lungenkrebskonferenz des sich aktuell in der Zertifizierung befindlichen Lungenkrebszentrums Mittelhessen unter Beteiligung der Pneumologischen Klinik Waldhof, der Kerckhoffklinik in Bad Nauheim und des Uniklinikums Gießen diskutiert, aber vor dem Hintergrund der Nutzen-Risiken-Analyse als gegenwärtig nicht indiziert angesehen worden«, sagt Günther. Kurzum: Das Risiko war zu groß.

Diese Ungewissheit macht der 52-Jährigen schwer zu schaffen. Wie viele andere Krebspatienten fürchtet sie sich vor jeder Kontrolluntersuchung. Die schwere Zeit stehe sie nur dank der Unterstützung von Freunden und Familie durch. Besonders ihre vier erwachsenen Kinder seien eine große Hilfe, sagt Jung. Außerdem versuche sie, die Therapie positiv zu unterstützen. Zum Beispiel durch lange Spaziergänge in der Natur, und vor allem durch gezielte Ernährung. Viel Obst und Gemüse, Tee sowie spezielle Nahrungsergänzungsmittel. »Ich denke es ist gut, den Krebs von vielen Seiten zu bekämpfen«, sagt Jung. Zumindest nicht schädlich, wirft Günther ein. »Es ist nachvollziehbar, dass Patienten einen Beitrag leisten wollen. Es spricht auch nichts gegen eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Aus schulmedizinischer Sicht muss man aber sagen, dass es keine Belege dafür gibt, dass eine spezifische Ernährung einen Einfluss auf das Tumorwachstum ausübt.«

Das weiß auch Jung. Trotzdem will sie weiterhin Kurkuma und Schwarzkümmelöl zu sich nehmen. Man weiß ja nie. Viel mehr hofft sie aber auf Fortschritte in der Medizin. Und darauf, mit der ständigen Angst psychisch besser klarzukommen. »Das Gefühl, jederzeit sterben zu können, kann ja auch etwas Positives in sich tragen. Nach dem Motto: Ich packe noch etwas rein. Aber an diesem Punkt bin ich noch nicht.«

Doch daran will sie arbeiten. Auch mit Hilfe einer Psychoonkologin. »Damit der Krebs nicht mehr so viel Macht über mich hat«– und vielleicht ein wenig Farbe in ihr Leben zurückkehrt. (Foto: fotolia/magicmine)

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