23. Juni 2017, 21:15 Uhr

Langfristige Begleitung nötig

Junge Flüchtlinge wollen arbeiten, viele Betriebe suchen Auszubildende. Passt! Oder? Das Beispiel des Afghanen Abdul Alamdar zeigt: Helfer im Alltag, Wille und Talent sind gefragt. Die größte Hürde beim Einstieg ins qualifizierte Berufsleben ist die Sprache.
23. Juni 2017, 21:15 Uhr
Abdul Qader Alamdar mit seiner ehrenamtlichen Betreuerin Susanne Lange-Wissinger und seinem Chef Andreas Krämer. (Foto: kw)

Zur Stadt kam Alamdar über eine Einstiegsqualifizierung, die Bewerbern mit unterschiedlichen Benachteiligungen den Weg in die Ausbildung ebnen soll. Der Verwaltung sei es eine »Herzensangelegenheit«, diesen jungen Menschen zu helfen, erklärt Müller. Wie andere Arbeitgeber leide man außerdem unter dem Mangel an geeigneten Bewerbern für die Lehre im gewerblich-technischen Bereich. »Seit fünf Jahren bieten wir die Ausbildung zum Berufskraftfahrer an«, bestätigt Andreas Krämer, Abteilungsleiter beim Fuhramt, »nur zweimal in dieser Zeit konnten wir die Stelle besetzen«.

Alamdar wiederum ist einer von Tausenden, die vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen sind in der Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit und Frieden. Hier arbeitswillige junge Männer, da offene Jobs: Das passt doch gut zusammen. Oder?

So einfach ist es nicht immer, schildert Susanne Lange-Wissinger, die Alamdar und zwei Landsleute seit zwei Jahren ehrenamtlich betreut. »Ich erlebe so viel Willen, sich hier eine Zukunft aufzubauen. Das beeindruckt mich«, erklärt sie ihr Engagement. »Sie setzen alles daran, hier gute Bürger zu werden. Das berührt mich.« Alle drei hätten schlimme Erfahrungen hinter sich und könnten in Afghanistan nicht mehr leben.

Über ihre Asylanträge ist indes noch nicht entschieden. Und der Weg ins qualifizierte Berufsleben ist lang und steinig-gerade für diejenigen, die mit etwa 20 Jahren hier ankommen. Für den Schulbesuch in Deutschland sind sie in der Regel zu alt. Für eine Ausbildung brauchen sie gute Deutschkenntnisse. Allerdings lernt man die Sprache am besten im Umgang mit Kollegen. Zwar gibt es das Modell der »assistierten Ausbildung«, das die Stadt für Alamdar beantragen möchte. Doch in der Berufsschule muss er grundsätzlich mithalten. Im Alltag verständigt er sich recht gut, im Fachunterricht könnte es schwierig werden. »Es ist ein Wagnis«, sagt Krämer. »Wir hoffen, dass er es schafft.« Der 22-Jährige selbst weiß vor allem zu schätzen, dass er Neues lernt. »Geld ist nicht so wichtig«, sondern vor allem – was heißt »knowledge« auf Deutsch? Genau: Wissen.

In der Praxis hat Alamdar sich schon bewährt. Nach der Teilnahme am Programm »Perspektiven für junge Flüchtlinge« mit einem Praktikum in einem Hochregallager begann er im Februar die Einstiegsqualifizierung im Stadtreinigungs- und Fuhramt. Lange-Wissinger hebt hervor, ein Rundgang mit Krämer habe den Afghanen überzeugt. »Auch ich wusste gar nicht, wie spannend diese Arbeit ist.« Bereits seit einem Jahr gehört ein Flüchtling aus Eritrea zum Team, das die Stadt sauber hält und die Müllabfuhr betreut.

Lange-Wissinger hat 30 Jahre lang im Buchvertrieb gearbeitet. Während der Flüchtlingswelle vor zwei Jahren ging sie zum Diakonischen Werk und fragte, wie sie helfen kann. Im Deutschkurs lernte sie die Afghanen kennen, die sie seitdem privat begleitet. Mittlerweile arbeitet sie hauptamtlich für die Diakonie als Koordinatorin der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer im Kreis. Bis zu 1200 Freiwillige gab es. Viele von ihnen wollen sich gern weiter engagieren, auch wenn weniger Menschen ankommen und manche Gemeinschaftsunterkünfte schließen. Ein Ziel der Neuausrichtung könnte sein: Noch mehr junge Menschen sollen diese Chancen erhalten wie Alamdar – auch wenn sie nicht das Glück hatten, dass ein Ehrenamtlicher sie unter seine Fittiche nimmt.

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