19. Dezember 2018, 22:08 Uhr

Lächeln zwischen Tür und Angel

Für viele Rödgener ist Volker Löwer ein gern gesehener Gast. Sie begrüßen ihn mit Namen und einem Lächeln. Der 63-Jährige ist Teil ihres Alltags, denn seit 15 Jahren liefert er hier Pakete aus. Unterwegs mit einem Mann, den viele Menschen geradezu sehnsüchtig erwarten.
19. Dezember 2018, 22:08 Uhr
»Eine Unterschrift, bitte«: In Rödgen ist Volker Löwer bekannt wie ein bunter Hund. (Foto: khn)

I n einem dieser seltenen Momente der Ruhe muss auch Volker Löwer innehalten. Ausnahmsweise. Seinen gelben Transporter hat der 63-Jährige gerade in einer kleinen Gasse in Rödgen geparkt. Im Inneren des Fahrzeugs legt er einige Pakete bereit, die er gleich an den Mann und die Frau bringen will. »Wenn ich in meiner Anfangszeit an Weihnachten 70 Päckchen am Tag geladen hatte, dachte ich, die Welt geht unter.« Er lacht und schüttelt mit dem Kopf. »Heute habe ich locker 190 Pakete hinten drin.« Tendenz steigend. Der Gießener ist einer von 60 Fahrern, die montags bis samstags vom DHL-Depot in Langgöns aufbrechen, um Pakete auszuliefern.

Für die DHL und deren Mitbewerber wie Hermes ist der Aufschwung von Amazon, Zalando und Co. ein Glücksfall. Die DHL verzeichnet bei der Paketzustellung Zuwachsraten von sieben Prozent (Kasten). Händeringend werden deshalb Fahrer gesucht. Wenn man sich einen backen könnte, dann wäre er wohl ein bisschen wie Löwer.

Der 63-Jährige übt seinen Beruf seit fast einem halben Jahrhundert aus. Als Löwer seine Ausbildung machte, war die Deutsche Post noch ein Staatsunternehmen – und der Gießener bald Beamter. Als der damalige Minister für Post- und Fernmeldewesen, Christian Schwarz-Schilling, die Bundespost in Postdienst, Postbank und Telekom zerschlug, musste sich Löwer für eine Sparte entscheiden. Seinen Entschluss, im Frachtdienst zu bleiben, hat er nicht bereut.

Seit 15 Jahren fährt er Pakete unter anderem in Rödgen aus. Die Route kennt er wie seine Westentasche, ein Navigationsgerät brauchte er noch nie. Lernt Löwer Neulinge unter den Paketfahrern an, dann nimmt er sie erst mal mit. »Sie sollen sich die Reihenfolge der Straßen aufschreiben, damit sie wissen, wo und wie sie die Pakete morgens beim Einräumen sortieren müssen.« Organisation, sagt er, sei das A und O.

Löwer springt aus dem Transporter. Mit zügigem Schritt marschiert er zur Haustür, klingelt, scannt dabei das Paket ein und wartet darauf, dass sich die Tür öffnet. In den meisten Fällen tut sie das auch, und ein Gesicht lugt heraus. Wenn die Menschen Löwer sehen, dann öffnen sie die Tür weit – und lächeln ihn an. »Ach, Herr Löwer, wieder für meine Tochter?«, fragt eine Frau. Löwer lacht. »Ja, klar.« Ein Grundstück weiter. Eine Frau mit Jogginghose macht auf. Sie nimmt ihr Päckchen entgegen, bietet Löwer im Gegenzug eine Mandarine und einen kleinen Schokonikolaus an. »Denken Sie an die Vitamine«, sagt sie. Vielleicht ist Löwer auch so beliebt, weil er auf die Menschen eingeht. Er fragt kurz nach dem Befinden, und wenn er geht, macht er das Hoftor zu. »Damit kein Hund hier sein Geschäft erledigt.«

Wegen solcher Momente liebt Löwer es, seinem Beruf auf dem Dorf nachzugehen. »Diese kleinen Aufmerksamkeiten, die freundlichen Worte, das ist alles mit den Jahren gewachsen«, sagt er. Die Menschen auf dem Land würden sich kennen, die in der Stadt wollten sich nicht kennen. Früher habe er in Gießen Pakete ausgeliefert. »Sieben Hochhäuser hatte ich auf meiner Route, und dort haben nur wenige die Tür aufgemacht, um etwas für den Nachbarn anzunehmen.« In Rödgen hingegen sei das die Regel.

Unrealistische Versprechen

Fragt man Löwer nach den negativen Seiten seines Jobs, dann nennt er zuerst die Versprechen der Versandhändler. »Sie schreiben den Kunden, ihr Paket sei an einem bestimmten Tag zwischen 11 und 13 Uhr da.« Als Regelzusteller könne er dies aber nicht garantieren. »Es muss nur einen Stau geben, und schon komme ich später an.« Ein Problem ist auch der Winter. Wenn es geschneit hat, sind die Straßen rutschig, er kann schlechter einparken. Dann zieht Löwer ein Stück seines Hosenbeines hoch. Zum Vorschein kommen Stützstrümpfe. »Ohne die wäre es schwer«, sagt er. Außerdem trägt der 63-Jährige knöchelhohe Schuhe – im Winter wie im Sommer. »Das sind wahnsinnige Schmerzen, wenn man umknickt«, sagt er. »Das habe ich bereits mehrfach erlebt.«

Ding-Dong. Löwer steht an der nächsten Haustür. Ein Mann macht auf und sieht, dass »sein« Paketbote von einem Redakteur begleitet wird. »Dann können Sie mal erleben, was dieser Mann für einen stressigen Job hat«, sagt der ältere Herr zu mir. »Das sind doch mehr Pakete, als ein Einzelner verkraften kann.« Löwer lächelt und verabschiedet sich. Er muss weiter. Sein Fahrzeug ist noch zur Hälfte gefüllt.

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