Gießen (has). »Der Himmel ist für uns greifbar geworden, jeder kann seine Standortdaten selbst ermitteln. Die von der Landvermessung ermittelten Daten sind heute für jeden zugänglich. Sie sind für viele Bereiche des Lebens wichtig geworden«, schloss Gerd Köhler seinen gut besuchten Vortrag beim Oberhessischen Geschichtsverein. Unter Beifall beendete er eine Zeitreise durch 15 000 Jahre Geschichte der Landvermessung in gut einer Stunde, die mit einer um 13 000 vor Chr. datierten Ritzung in einem Fundstück begann, die als älteste Karte interpretiert werden könnte, und bei GPS, Navi und autonomem Fahren endete. Vorgestellt wurde der Gast aus Taunusstein vom 2. Vorsitzenden Manfred Blechschmidt als ehemaliger Vizepräsident des Hessischen Landesamtes für Bodenmanagement.

Im Zwei-Strom-Land zwischen Euphrat und Tigris entstand die erste »systematisch erstellte kartografische Darstellung« mit dem ersten erhaltenen Stadtplan der Stadt Niffur in Mesopotamien zwischen 3000 und 1500 v. Chr. Für Babylon reklamierte Köhler auch eine Weltkarte zwischen 700 und 500 v. Chr., natürlich mit Babylon als Zentrum. Die Vorstellung der Welt als Scheibe übernahmen die Griechen und Römer. Zeitgleich stellten die Chinesen die Erde als Rechteck dar. Pythagoras war der Ansicht, dass die Welt eine Kugel sei, konnte sich damit aber nicht durchsetzen, im Gegensatz zu dem Weltbild des Ptolemäus, der um 150 n. Chr. die Erde als Mittelpunkt des Alls sah.

Die »Stimme des Christentums« stellte sich ab 300 n. Chr. weiter die Erde als Scheibe vor und manifestierte sich in zahlreichen Kirchenkarten, deren Einfluss bis ins 14./15. Jahrhundert reichte. Als Beispiel zeigte Köhler die um 1300 in einem Kloster der Lüneburger Heide entstandene Ebsdorfer Weltkarte, ein reines Produkt der Fantasie. Ganz anders waren Expertenkarten, für die im 14./15. Jahrhundert Mallorca ein Zentrum war. Mit dem Zeitalter der Entdeckungen wurde auch das Weltbild klarer dokumentiert, im 15. Jahrhundert etwa durch die Waldseemüller-Karte.

Satelliten ersetzen die Sterne

Unter dem Schlagwort »Der Himmel« behandelte Köhler die zentrale Frage der Landvermessung nach dem Platz des Menschen auf der Erde. Er folgte dabei Helmerts Definition der Landvermessung als »Wissenschaft von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche« und zeigte nach Festlegung des Äquators für den Null-Breitengrad die heftige Diskussion um den Nullmeridian der Längenmessung auf. Typisch für das 16./17. Jahrhundert wurden die Territorialkarten, anhand derer der Profi-Landvermesser Köhler die Technik der Triangulation vorstellte und eine noch wenig präzise Hessenkarte von 1690 zeigte, typisch für Regionalkarten dieser Zeit. Erste Kartenwerke mit Messtischblättern entstanden. Erste Grundstücksvermessungen gingen bereits auf die Überschwemmungen von Euphrat, Tigris und Nil zurück, der Buchdruck der Renaissance verbreitete auch die Basis der Landvermessung. Kurios der Versuch unter Napoleon, die »gerechte Steuer« aus Angaben der Steuerzahler zu ermitteln – mit dem Ergebnis, dass Frankreich dann nur noch ein Drittel so groß gewesen wäre.

Im 21. Jahrhundert ist der Himmel zwar nicht abgeschafft, aber »die Sterne werden nicht mehr gebraucht«. Sie sind ersetzt durch Satelliten. Landvermessung basiert auf Geobasisdaten, nutzt Lasermessung und Drohnen. »Die Datenbanken generieren automatisch die Karten. Aus den gesammelten Daten lassen sich heute beste Karten entwickeln«. (Foto: has)

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