Stadt Gießen

Kunstweg am Campus entdecken

Es lohnt sich, die Werke auf dem Kunstweg zwischen Philosophikum I und II näher zu betrachten. Bei einer Führung offenbaren die 15 Skulpturen ihren ganzen Reiz und eröffnen einen neuen Blickwinkel.
02. August 2011, 19:05 Uhr
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Eine runde Sache: Annette Luh bringt den Kunstinteressierten die »Säule mit Kugel« von Ernst Hermanns näher. (Fotos: hau)

Sonntagnachmittag auf dem Campus. Idyllische Ruhe liegt überm Philosophikum. Drei Studenten sonnen sich vor der Uni-Bibliothek, einige Unentwegte steuern ihr Inneres an. Von Wissensdurst getrieben sind auch die älteren Semester, die in aller Gemütsruhe vor der Mensa eintrudeln. Ein gutes Dutzend sind es schließlich. Alle sind gespannt, was die nächsten anderthalb Stunden bringen werden. In der Zeitung waren sie über den Hinweis auf eine Führung entlang des Gießener Kunstwegs gestolpert.

»Die anderen sind sicher alle bei den Oldtimern in Krofdorf«, vermutet einer. »Bloß nicht, da kommen wir gerade her«, erzählen andere, denen der Trubel rund um ihr Zuhause die Nachtruhe raubte. »Ich wohne einen Steinwurf von hier entfernt«, merkt eine Frau an, die schon immer jenen Kunstobjekten auf den Grund gehen wollte, an denen sie tagtäglich vorbeiläuft. »Oft gehe ich eigens hin, um die Wirkung im Wandel der Jahreszeiten zu genießen«, fügt sie hinzu.

»Ich fand diese Kunstobjekte schon immer schrecklich«, räumt eine Dame ein, die früher an der Uni dozierte. Aber sie hoffe auf einen neuen Blick auf die Dinge. An Annette Luh liegt es nun, wie sich die Perspektiven gestalten. Seit zehn Jahren bietet die Kunstpädagogin die Kunstweg-Führungen an. Sie sei mit dessen Einrichtung aufgewachsen und ihm auch heute, neun Jahre nach Abschluss ihres Studiums an der Gießener Uni, noch eng verbunden. So ist die vielseitige Pädagogin und Künstlerin eigens aus ihrer Frankfurter Wahlheimat auch an diesem sommerlichen Ferientag angereist, um die 15 modernen Kunstobjekte am Wegrand zwischen Philosophikum I und II hautnah erfahrbar zu machen.

Die Ruhe rundum ist zwar nicht repräsentativ, aber das studentische Alltagsgewusel kann man sich bald gut vorstellen. Bildhauer Stephan Balkenhol habe seine Holzfigur bewusst mitten in den Zugang zur Mensa postieren wollen, als Ruhepol im Trubel. Dass der »Mann im Turm« seinen einsam starren Blick nun auf einem erhabenen Stahlgerüst in die Ferne schweifen lässt, sei ein dem international renommierten Künstler abgerungener Kompromiss, um Vandalismus vorzubeugen. Den Sonntagsgästen drängt sich unterdessen der Eindruck auf, dass die Studenten ihren hölzernen Türsteher längst ins Herz geschlossen haben, weil sie ihm immer mal neue T-Shirts überstreifen - wohl auch zu Werbezwecken für die ein oder andere Party.

Der Gießener »Kunstweg« sei eine einzigartige Weggestaltung, erklärt Luh auf dem kurzen Stück zur zweiten Perle an der Kette. Auf Initiative von Professor Gottfried Boehm und mit Mitteln aus dem »Sonderbaufonds zur künstlerischen Ausgestaltung und Ausstattung von Gebäuden des Landes Hessen« sei ein zusammenhängendes Experimentierfeld entstanden. »Mit Ausnahme von zwei Kunstwerken in der Bibliothek sind alle Werke im Freien zu finden«, erfährt die lauschende Gruppe - und geht mit Annette Luh auf Entdeckungsreise zu den Skulpturauffassungen der letzten Jahrzehnte, eine jede bewusst an ihren Standort platziert.

Die »Wagengruppe« von Bruno K. greift in kühlem Stahl das Thema (Fort-)Bewegung durch die Jahrtausende auf, öffnet der Fantasie Tür und Tor und ist sinnträchtig am Parkplatz vor dem Philosophikum postiert. Ebenso stahlhart ragt das »Räderwerk Nord« in einer toten Gebäudeecke in den azurblauen Himmel. Luhs Beispiel folgend, erwecken die Besucher das Kunstwerk von Vincenzo Baviera durch Drehen der Räder zu Leben - und erschaudern beim herzerweichenden Klang aufeinanderreibenden Metalls.

Bei näherer Betrachtung entfaltet auch der von Michel Croissant aus Metallblechen zusammengeschweißte, mannshohe Kopf eine gewisse Faszination. »Der ist ja hohl«, schmunzelt einer, andere entdecken im Rost das Sinnbild für Vergänglichkeit. Naturnah beeindruckt die Bronzeplastik vor dem Haupteingang zum Philosophikum I: Der »Wiehernde Hengst« aus der Werkstatt von Gerhard Marcks, im Volksmund liebevoll »Pferd« genannt, versprüht hier seit 1974 seine Energie. »Ob der Apfelbaum hinter dem Pferde-Standbild wohl eine tiefere Bedeutung hat?«, fragen sich die Gäste in zunehmend vertrauter und bisweilen humorvoller Sonntagsstimmung.

Dass Ulrich Rückriems monumentales, steinernes »Tor« nur eine durch Arbeitsspuren angedeutete Öffnung hat und den Eingang zur Bibliothek sogar verstellt, wirft Fragen auf und die unterschiedlichsten Interpretationsmöglichkeiten. Von denen will der renommierte Künstler selbst aber nichts wissen. Sein Plädoyer gilt der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung, und tatsächlich stößt der imposante Granitblock auf Gegenliebe. Kurz und knapp beschrieben als »Marmor Nr. 126« lädt die von Peter Knapp in Stein gemeißelte Figur in der Bibliothek zum Streicheln ein, derweil HAP Grieshabers »Josefslegende«, eine Serie großformatiger Linol-Druckstöcke, für die Besuchergruppe in unerreichbare Treppenhausferne gerückt ist.

Ganz bescheiden steht die Muschelkalk-Figur des im letzten Jahr verstorbenen, bekannten Frankfurter Künstlers Hans Steinbrenner am Wegesrand und grüßt in zeitlos geometrischer Grundform. Geradezu ehrfürchtig macht die Gruppe wenige Schritte später am Fuße der »Erhöhten Abstufung« von Claus Bury Halt. Rostrot leuchtet die architektonische Stahlskulptur auf ihrem grasgrünen Hügel, nimmt in ihrer Treppung die Topografie auf und erinnert an ein ägyptisches Grabdenkmal. »Gehen Sie ruhig hinein«, ermuntert Luh zum Hören, Anfassen und Ausruhen auf den integrierten Bänken. »Das herbstliche Farbenspiel der Blätter ist hier besonders attraktiv«, schwärmt die Anwohnerin unter den Besuchern.

Durch Per Kirkebys architektonische Backsteinbögen mit dem schlichten Namen »Objekt Gießen« betritt man im Wäldchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Welt des Philosophikums II. Wenige Schritte weiter, fast unbemerkt unter einer großen Buche, reizt Karl Prantls »Stein zur Meditation« matratzenartig zum Hinsetzen, derweil die polierte »Säule mit Kugel« dem Wunsch ihres Schöpfers Ernst Hermanns folgt und nicht nur edel stählern glänzt, sondern auch an der Schwerkraft zweifeln lässt.

Als Suchspiel beginnt vor dem Audimax die Entdeckung der jüngsten Kunstweg-Attraktion: 16 unregelmäßig verteilte Bronzeplaketten mit Begriffen, die vom Über- bis zum Unmut alle mit -mut enden. Norbert Radermacher hat »Die Marken« ins Bodenpflaster eingelassen, um mit dieser Art »Stolperstein« zum Innehalten und Nachdenken anzuregen - mit Erfolg, wie die Gästeführung zeigt. Auch am Schlusspunkt der kunstvollen »Perlenkette«, einer »Religiösen Figur« von Karl Bobek, sinniert die Gruppe - diesmal angesichts der bewusst rauen Oberfläche über die Vergänglichkeit des Seins. Bei fantasievoller Betrachtung verschwindet die scheinbare Unzulänglichkeit, vielmehr strahlt die Studie zu einer Marienskulptur Demut und Ruhe aus - das würdige Ende einer Zeitreise durch die Bildhauerei.

Herzlicher Applaus gehört Annette Luh für ihre einfühlsamen Erklärungen, und wer bislang mit modernen künstlerischen Ausdrucksformen nicht viel anfangen konnte, ist zumindest versöhnt. Andere sind begeistert und gehen nun mit offeneren Augen durch die Stadt. hau

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Kunstweg-am-Campus-entdecken;art71,61261

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