10. April 2013, 17:58 Uhr

Kunsthalle zeigt Ausstellung von Anna Viebrock

Die Kunsthalle zeigt bis 14. Juli eine Ausstellung mit Arbeiten von Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die am Sonntag, 14. April, im Stadttheater den Hein-Heckroth-Preis überreicht bekommt. Vernissage zur Schau ist am Samstag, 13. April, um 17 Uhr.
10. April 2013, 17:58 Uhr
Modell und (im Hintergrund) Fotos von Anna Viebrock zu »Medea«. (Fotos: dkl)

Diese Ausstellung ist deutlich anders als vorherige Kunstschauen in der Kunsthalle. Vor allem ist der große Raum gut gefüllt. Es gibt nicht nur vier mobile Wände, die mit Fotografien und Skizzen behängt sind, sondern viele über den Raum verteilte, recht grob wirkende Sockel. Auch dafür stammt die Idee von der Künstlerin. Es sind grobe Sockel oder Tische, die aus unbehandeltem und Restehölzern bestehen, gebaut wie für die Theaterbühne, also schnell wieder zusammenlegbar. Auch darin wird deutlich sichtbar, dass die ausstellende Künstlerin dieses Mal eine Bühnenbildnerin ist: Anna Viebrock, die am Sonntagvormittag im Stadttheater den Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis verliehen bekommt.

»Es ist wunderbar, dass es in diesem Jahr geklappt hat, die Preisträgerin mit einer Ausstellung in der Kunsthalle zu würdigen«, so Kunsthallenleiterin Dr. Ute Riese. Der Plan bestand schon vor zwei Jahren, als an Christoph Schlingensief der Preis posthum verliehen wurde, doch hat es nicht geklappt. »Auch bei den ersten Preisträgern Erich Wonder und Achim Freyer gab es Ausstellungen, doch zeigten die beiden ihre andere Seite, ihr malerisches Schaffen«, macht Dietgard Wosimsky, die Vorsitzende der Heckroth-Gesellschaft, deutlich.

Es hat dieses mal geklappt, weil Anna Viebrock bereits 2011 eine Ausstellung zu ihren Bühnenbildern im Architekturmuseum Basel hatte, die Fotos, Skizzen und Objekte also schon zusammengesucht waren. Der dortige Leiter Hubertus Adam wird am Sonntag die Laudatio auf die Preisträgerin halten. Für Gießen entstanden die Dokumentationen der fünf seitdem entstandenen Bühnenbilder, bei einigen Stücken hat sie auch Regie geführt. Außerdem eigens herbeigeschafft wurden einige Bühnenbildmodelle aus dem Theatermuseum München und die Sessel aus der »Tristan und Isolde«-Inszenierung in Bayreuth 2005. Auf diesen können Besucher nun Platz nehmen und sich diese Inszenierung auf dem Bildschirm zu Gemüte führen. »Wenn sie wollen: die vollen sechs Stunden, das ist möglich«, so Riese.

Anna Viebrock (geb. 1951, Köln) ist Bühnenbildnerin, Kostümbildnerin und Regisseurin, sie ist eine der renommiertesten und international erfolgreichsten Vertreterinnen ihres Fachs. Direkt nach ihrem Studium kam sie an die Städtischen Bühnen Frankfurt und arbeitete unter Hans Neuenfels (1979 bis 82), also gleich in der Theater-Oberliga. Seit ihrer Zeit am Theater Basel (1988 bis 1993) kooperiert sie mit Christoph Marthaler, eine intensive Künstlerfreundschaft, der zuletzt auch ein Dokumentarfilm über eine Südpol-Expedition entsprang. Was natürlich mit einer Inszenierung verbunden war. Es gibt auch eine Arbeitspartnerschaft mit Regisseur Jossi Wieler, jüngst zu erleben in der Stuttgarter Produktion »Die Nachtwandlerin« (2012). Seit 2004 ist sie freischaffend, wohnt in Berlin und ist an vielen europäischen Bühnen und bei Theaterfestivals tätig.

Das Typische an ihren Bühnenbildern: Sie erschafft hermetische Innenräume, die wie reale Architektur wirken, doch ist der Eindruck trügerisch. Proportionen sind verzerrt, außen und innen geraten durcheinander, Treppen führen ins Leere, ein Haus steht oben auf dem Dach. Bei der großen Genauigkeit und dem Detailreichtum muss man genau hinschauen, um die surreale Verfremdung in allen Aspekten wahrzunehmen. Sie ist eine Sammlerin der Alltagskultur, macht Fotos, die als Inspirationsquellen dienen, kauft Kleidung und Wohnungsinterieurs in Secondhand-Läden ein. Daher sind die ausgewählten Seiten (gescannt) aus ihren Arbeitsbüchern auch hochspannend anzuschauen, es ist wie ein Blick in die kreativen Denkprozesse. Alles wirkt ein bisschen old-fashioned, mit vielen Gebrauchsspuren. Es ist Viebrocks Bestreben, die Spuren der Geschichte zu bewahren, dafür reist sie auch an entlegene Orte. Kunsthistorisch gesprochen ist es der Einfluss der Arte Povera (»arme Kunst«), die sie während ihres Studiums in den 70er Jahren in Düsseldorf kennenlernte, als dort Joseph Beuys lehrte.

Die 19 Bühnenarchitekturen (1997 - 2013) mittels Architekturfotografien (Walter Mair), Entwurfsskizzen und Bühnenbildmodellen, realen Objekten wie den Sesseln und der Wand mitsamt Lampen aus »Tristan und Isolde« sind bis 14. Juli in der Kunsthalle zu sehen. Wie immer gibt es Führungen (www.kunsthalle-giessen.de). Die Eröffnung in Anwesenheit der Künstlerin findet am Samstag um 17 Uhr statt. Dagmar Klein



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