Stadt Gießen

Kunst am speziellen Ort

In das Uniklinikum kommt kaum jemand freiwillig. Entweder ist man Patient oder Angehöriger eines Kranken – mit den üblichen Hoffnungen, Sorgen und Ängsten. Oder man gehört zu den fast 5000 Beschäftigten. Doch Kunst kann helfen, die Atmosphäre für alle angenehmer zu machen und Denkanstöße liefern. Seit fünf Jahren hat das Uniklinikum dafür eine eigene Kunstbeauftragte: Dr. Susanne Ließegang.
25. Januar 2019, 21:28 Uhr
Karola Schepp
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Susanne Ließegang ist Kunstbeauftragte des Uniklinikums. (Foto: Schepp)

Der Eingang des Uniklinikums gleicht einem Bahnsteig, nur ohne Zugverkehr. Es herrscht ständiges Kommen und Gehen. Menschen suchen den Weg zur Station, auf der ihre kranken Angehörigen liegen. Patienten im Bademantel vertreten sich die Beine oder kaufen im Kiosk eine Zeitschrift. Im riesigen Wartesaal der Notaufnahme sitzen Menschen voller Ungeduld. Kunst hat es in dieser Atmosphäre nicht leicht, Aufmerksamkeit zu bekommen. »Die Bilder müssen einen Impuls geben«, weiß Dr. Susanne Ließegang. Die Kunsthistorikerin aus Biebertal ist seit fünf Jahren die Kunstbeauftragte des Uniklinikums. Unterstützt vom 2016 gegründeten Freundeskreis der Kunst im Uniklinikum, sorgt sie dafür, dass an mehreren Stellen im Klinikbetrieb Kunst präsent ist: als ästhetischer Blickfang, für einen Moment des Innehaltens, als Inspiration zum Nachdenken oder Anregung für ein Gespräch über die Kunst und das Leben.

»Kunst ist wirksam. Sie macht etwas mit dem Betrachter.« Das ist Ließegangs Credo. Sie hat sich schon in ihrem Studium der Kunstgeschichte bei Gottfried Böhm der Vorstellung von Kunst als Erfahrungs- und Erkenntnisangebot gewidmet. »Kunst kann viel mehr sein als nur ein nettes Bild an der Wand«, ist sie überzeugt. Und weiß, dass dabei in einem Krankenhaus besondere Voraussetzungen zu berücksichtigen sind. »Die Kunst darf nicht negativ wirken. Aber Menschen, die belastet sind, brauchen auch nicht immer nur Heiterkeit um sich herum.« Wer voller Sorge um sein Kind die Frühchenstation betritt, der könnte sich an kitschigen Babyfotos vor dem Eingang zur Station stören. Da passt die gefaltete blaue Folie von Nikolaus Koliusis, als Symbol für die Welt und den Himmel, viel besser. Das Bewusstsein für so etwas zu schärfen, auch das sieht die Kunstbeauftragte als ihre Aufgabe an. Schließlich habe Kunst etwas mit den Menschen zu tun, und das ganz besonders in einem Raum, der so existenziell am Menschen dran ist wie ein Krankenhaus. »Es sind die durch die Bilder angeregten Unterbrechungen, die etwas anderes möglich machen.«

An der am Klinikalltag ausgerichteten Funktion des Gebäudes mit seinen nüchtern wirkenden Fluren und seiner Unübersichtlichkeit kommt aber auch die Kunstbeauftragte nicht vorbei. »Die Unterbrechung, die Bilder hier leisten müssen, ist eine andere als im Museum«, sagt Ließegang beim Durchqueren eines der zahlreichen Flure. Und jeder für Bilder nutzbare Ort stellt andere Herausforderungen – vom Stillzimmer bis zur Intensivstation reicht die Palette.

Entsprechend vielfältig und auch der Situation angepasst ist die Kunst im Klinikum. In der Eingangshalle und im Kapellengang stellen überregionale Künstler aus (bis vor Kurzem Chunqing Huang und aktuell Sabine Funke), regionale Künstler nutzen die Magistralen auf den Ebenen 0 und 3, es gibt teils nicht öffentliche Dauerausstellungen und Dauerleihgaben, Kunstprojekte und auch ehemalige Patienten stellen aus.

Über Kunst in Kontakt kommen

Wichtig sind Ließegang die vielen Gespräche, die entstehen können, wenn Menschen über Kunst in Kontakt kommen. Sei es bei den regelmäßig angebotenen Kunstgesprächen, beim Format »Kunst und Gottesdienst«, wenn die Kunsthistorikerin mit Patienten der psychiatrischen Station im intimen Kreis über Kunst und Wahrnehmung redet oder auch wenn zwei Menschen im Klinikalltag von einem Gemälde inspiriert kurz innehalten und sich unterhalten. So wie vor den Porträts des aus Syrien geflüchteten Fotografen Mohamad Osman, die im großen Gang des Erdgeschosses und in der neu als Ausstellungsort genutzten Magistrale im dritten Stock zu sehen sind. Sie zeigen Momentaufnahmen von Klinikumsbeschäftigten aus 33 Nationen. So mancher hat hier seine Kollegen und ihre Tätigkeiten ganz neu kennengelernt. »Es geht auch um die Kommunikation, den Kontakt zwischen Ärzten, Pflegern und Patienten«, betont Ließegang.

Doch auch für die Künstler selbst ist das Klinikum ein ganz spezieller Ort. Schließlich kommen Menschen nicht explizit hierher, um Kunst zu schauen. Und mit einer Ausstellung im Krankenhaus lässt sich für Künstler nur bedingt Eigenwerbung betreiben. Aber im Gegenzug sind ihre Bilder über einen sehr langen Zeitraum im öffentlichen Raum zu sehen – und das rund um die Uhr. Entsprechend ist es für Ließegang im Lauf der Jahre immer leichter geworden, professionelle Künstler für Ausstellungen zu gewinnen. Etwa Nikolaus Koliusis, dessen blaue Kugel als »Wahrzeichen« der Uniklinik seit vielen Jahren über dem Chirurgie-Anbau schwebt.

Dabei profitiert die Kunsthistorikerin auch davon, dass sie als Selbstständige nicht ausschließlich im Klinikum tätig ist, sondern zusätzlich an anderen Projekten arbeitet. Aktuell beschäftigt sie sich mit Marianne Hopf mit einem »Experiment für die Kunst« mit Malen, Schreiben und Zeichnen auf Island. Außerdem kuratiert sie Ausstellungen und ist als Rednerin für Vernissagen gut gebucht. Bestens vernetzt gelingt es ihr so immer wieder, auf hohem Niveau arbeitende Künstler für das Uniklinikum zu gewinnen.

Angefangen hat Ließegangs Engagement 2014. Renate Seeger-Brinkschmidt, die heute den Freundeskreis anführt, hatte zuvor im Kapellengang Ausstellungen initiiert. Ließegang sprach zur Einführung und schnell entwickelte sich mehr. Mit dem Umzug in den Neubau wurde das Konzept erweitert und Ließegang vom Uniklinikum als Kunstbeauftragte eingesetzt, die eben nicht nach persönlichem Geschmack auswählt, sondern mit dem Blick auf ein strukturelles Konzept. Ihr erster Auftrag war es, die Eingangshalle mit Bildern zu bestücken. Im Laufe der Jahre sind Kunstwerke nun an mehreren Stellen zu sehen und helfen Besuchern so ganz nebenbei auch immer mal wieder, sich in den verschachtelten Gebäuden zu orientieren.

Langfristig wünscht sich Ließegang, dass sich die Erkenntnis durchsetzt, dass man etwa bei Neubauten »so wie man in einem Krankenhaus Hygienebelange berücksichtigt, auch die Kunst mitdenkt«. In Ländern wie Dänemark oder Norwegen sei das schon üblich. Auch einen digitalen Wegweiser zu den einzelnen Orten der Kunst oder Informationen im TV-Kanal des Klinikums hat die Kunstbeauftragte auf ihrer Agenda. Und vielleicht steigt durch solche Ideen die Zahl derer, die – unabhängig von den wiederholten Auftritten im Rahmen der »Tanz Art« – tatsächlich ganz aus freien Stücke ins Klinikum kommen – eben um Kunst zu sehen. Schließlich ist das rund um die Uhr möglich.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Kunst-am-speziellen-Ort;art71,544154

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