Eine Vorstellung im Stadttheater besuchen, zum Konzert auf den Schiffenberg fahren oder mit den Kindern in eine Vorstellung des Tinko-Theaters gehen: Für viele Menschen sind solche Unternehmungen kaum vorstellbar, weil sie sich den Eintritt nicht leisten können. Seit 2011 vermittelt die Kulturloge Gießen Hartz IV-Empfängern, Alleinerziehenden und Menschen, für die aufgrund ihres geringen Einkommens solche Veranstaltungen eigentlich tabu sind, die Möglichkeit, Kulturveranstaltungen zu besuchen. Die in Marburg entstandene Idee, die vom ehemaligen Universitätspräsidenten Prof. Heinz Bauer vor sieben Jahren nach Gießen geholt wurde, hat sich als voller Erfog erwiesen.

85 Veranstalter – vom Stadttheater über das Jugendzentrum Jokus, das Uni-Orchester bis zu Poetry-Slammer Lars Ruppel – stellen der Kulturloge regelmäßig Karten zur Verfügung. Und die Nachfrage der Menschen, die über soziale Einrichtungen Kontakt zur Kulturloge haben, ist groß.

»Allein im April haben wir 255 Eintrittskarten an unsere Gäste vergeben«, berichtete jetzt Heike Hass den Mitgliedern des parlamentarischen Schul- und Kulturausschusses. Die ehemalige Hamburgerin, die seit vier Jahren in Gießen lebt, hat im vergangenen Jahr den Vorsitz der Kulturloge (»ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind«) übernommen. Dabei erweist sich die rege Nachfrage der Interessenten als Fluch und Segen zugleich. »Das ist ehrenamtlich nicht mehr zu schaffen«, berichtete Hass. Zwar hat es bisher immer wieder Sponsoren wie Stiftungen, heimische Kreditinstitute und andere Unterstützer gegeben, die der Loge finanziell unter die Arme gegriffen haben, auf Dauer bleibt die Finanzierung der Arbeit jedoch ein Unsicherheitsfaktor. Aus den eigenen Einnahmen, die im vergangenen Jahr bei 2300 Euro lagen, können die festen Kosten jedenfalls nicht ausgeglichen werden.

Die Stadt stellt der Kulturloge kostenlos einen Raum in der Villa Leutert und technische Einrichtungen zur Verfügung. Die Kosten für die halbtags tätige Bürokraft bezifferte die Vorsitzende auf rund 10 000 Euro jährlich. Dank der erwähnten Sponsoren ist die Arbeit der Kulturloge bis zum Jahresende gesichert. Hass ist allerdings nicht überzeugt davon, dass diese Spendengelder auch in Zukunft fließen.

Ein weiteres Problem: Die handelnden Personen des Vereins bestehen zum größten Teil aus »älteren Herrschaften«, die mit den Gepflogenheiten digitaler Technik nicht umfassend vertraut sind. Eine Anregung von Ausschussmitglied Christine G. Wagener (CDU), die Ausgabe der Karten möglicherweise »technisch zu vereinfachen«, stieß bei der Vorsitzenden der Kulturloge nur bedingt auf Begeisterung. »Die Vorstellung, wir sollten IT-technisch aufrüsten, wirkt auf mich eher beunruhigend als beruhigend.« Grundsätzlich sahen die Ausschussmitglieder die Entwicklung der Kulturloge als Erfolg. Wagener: »Wir waren am Anfang alle etwas skeptisch. Eine solche Resonanz hätte man nicht unbedingt erwarten können.«

Dass die Zukunft der Kulturloge auch politisch gewollt ist, unterstrich Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. »Sollten die Sponsorenmittel ausgehen, muss es auf anderem Wege weitergehen.« Das laufende Jahr sei für die Kulturloge auf jeden Fall gesichert. Die OB empfahl der Vorsitzenden, möglicherweise mit dem Verein Ehrenamt in Kontakt zu treten, um Abläufe zu vereinfachen.

Dass eine Intensivierung von Mailverkehr und WhatsApp-Nachrichten in diesem Fall nicht unbedingt die Lösung sein muss, gab Dr. Heinrich Brinkmann zu bedenken. Der Grünen-Vertreter sagte mit Blick auf das Klientel der Kulturloge: »Die meisten, die diese Karten in Anspruch nehmen, sind offensichtlich nicht im Besitz moderner Technologie.« (Foto: pm)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alleinerziehende Mütter
  • CDU
  • Dietlind Grabe-Bolz
  • Gießen
  • Hass
  • Heinz Bauer
  • Kosten
  • Löhne und Einkommen
  • Universitätspräsidenten
  • Gießen
  • Armin Pfannmüller
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.