19. Dezember 2018, 10:09 Uhr

»Downtown«

Kultladen »Downtown« in Gießen schließt

Nicht nur Kinder der 90er werden eine Träne verdrücken: Das »Downtown« schließt. Mit dem Aus des Kultladens endet ein 27 Jahre währendes Kapitel in Streetwear und elektronischer Musik.
19. Dezember 2018, 10:09 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Sneaker und Schallplatten gehören zu Tommy Bingels Leben. Doch jetzt muss er den Streetwearladen Downtown schließen. (Foto: Schepp)

Tommy Bingel wirkt ein wenig verloren. Mit glasigen Augen beobachtet er die Kunden, wie sie in den Regalen seines »Downtown« stöbern. Der Streetwearladen in der Neustadt ist an diesem Mittag gut besucht. Vermutlich liegt es an dem großen Poster, das an der Eingangstüre hängt. »Bis zu 70 Prozent Rabatt« ist darauf zu lesen. Denn das Downtown wird schließen. Nach 27 Jahren. Darauf angesprochen, kommen Bingel beinahe die Tränen. Er braucht einen Moment, bis er die nächsten Worte über die Lippen bringt: »Das ist mein Baby.«

Das Downtown hat eine ganze Generation geprägt. Hier haben sich junge Gießener ihre allererste Baggy-Pant gekauft, hier haben sie das erste Mal eine Vinyl-Platte in den Händen gehalten. Angefangen hat alles 1991. »Ich war damals in Gießen als DJ unterwegs«, erinnert sich Bingel und erzählt, seine Kollegen oft mit dem nötigen Equipment versorgt zu haben. Denn er saß an der Quelle. Zunächst arbeitete er in der Musikabteilung bei Horten, später auch in Plattenläden in Frankfurt, München, Berlin und Hamburg. »Irgendwann hat mich ein Kollege gefragt, ob ich nicht Lust hätte, einen Plattenladen in Gießen aufzumachen.« Bingel hatte Lust – es war die Geburt von »Downtown Records« in der Grünberger Straße.

Die Gießener schienen auf solch ein Geschäft nur gewartet zu haben. Der Laden wuchs und wuchs, vor allem, als die Technowelle nach Gießen schwappte. Heutige Größen wie Chris Liebig oder Toni Rios haben im Downtown ihr Geld verdient. »Wir waren der größte Plattenladen in ganz Mittelhessen«, sagt Bingel. Außerdem sei das Downtown Pionier beim Versandhandel gewesen. »Bei uns haben Leute aus ganz Deutschland bestellt«, sagt der Gießener. Dann schmunzelt er: »Wir haben dafür den Telefonhörer an die Lautsprecher gehalten und den Anrufern so die Musik vorgespielt.«

Um stärker von der Laufkundschaft zu profitieren, zog das Downtown im Jahr 2000 an den Marktplatz. Was Bingel damals doch nicht wissen konnte: Der Umzug sollte das Ende der glorreichen Jahre einläuten. Und da aus mehreren Gründen: Zum einen wegen des Abzugs der in Gießen stationierten GIs. »Die Amerikaner waren für uns wichtige Kunden«, betont Bingel. Auch die Einführung des Euros habe die Kunden anfangs weniger einkaufen lassen. Der Siegeszug der MP3 habe zudem für heftige Einbußen bei den Schallplatten- und CD-Verkäufen gesorgt. Und dann wäre da noch die mehrmonatige Baustelle im Zuge der Marktplatz-Sanierung 2005. »Das war eine harte Zeit, es kamen immer weniger Leute.« Um zu sparen, machte Bingel die in der Zwischenzeit gegründeten Läden in Marburg und Wetzlar wieder dicht. Als dann der Mietvertrag am Marktplatz auslief, zog das Downtown in die Plockstraße. Doch die Einnahmen konnten mit den steigenden Mieten nicht mithalten, und so folgte 2012 der Wechsel in die Neustadt.

Es wird der letzte Umzug gewesen sein. »Die Zahlen stimmen einfach nicht mehr«, sagt Bingel. Der Ladenbesitzer macht vor allem das Internet dafür verantwortlich. »Es ist nicht mal unbedingt der Preis. Manche Sachen sind online sogar teurer als im Laden. Es ist vor allem die Bequemlichkeit der Menschen«, sagt Bingel. Zwischenzeitlich habe er es auch mit fairer Ware aus ethisch verantwortungsvoller Produktion versucht, aber auch das habe nicht den gewünschten Erfolg gebracht.

Am 19. Januar wird das Downtown für immer schließen. Man merkt Bingel an, wie schwer ihm dieser Schritt fällt. »Wir haben schließlich eine ganze Generation eingekleidet.« Fast sein halbes Leben hat ihn der Laden begleitet, 18 Azubis lernten hier ihr Handwerk. Und dann wären da noch die unzähligen Kunden, die im Downtown das gefunden haben, was es andernorts nicht gab. Auch sie trauern wegen der baldigen Schließung, wie ein Blick in die Kommentarspalten auf Facebook zeigt.

Während sich der Gießener wieder seinen Kunden widmet, fällt die Eingangstür ins Schloss. Neben dem Rabatt-Plakat klebt auch ein unscheinbarer Sticker. »Lächle mal«, ist darauf zu lesen. Bingel fällt das derzeit ziemlich schwer.



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