11. März 2012, 20:48 Uhr

KulTour 2000 startet im Rathaus mit Detlev Eisinger

Brückenbauer zwischen Wort und Klang: Den Auftakt bei KulTour 2000 im Rathaus übernimmt Pianist Detlev Eisinger mit einem Gesprächskonzert. Das Publikum ist begeistert.
11. März 2012, 20:48 Uhr
Der Mann am Klavier: Detlev Eisinger erklärt beim Gesprächskonzert im Rathaus Schuberts Sonate A-Dur. (Foto: rw)

Ein fulminanter Saisonauftakt zum Veranstaltungsreigen von KulTour 2000, ein ausverkaufter Rathaussaal und begeistertes Publikum: Am Samstagabend war Detlev Eisinger zu Gast in Gießen. Hier ist er unvergessen ob seiner Beethoven-Rezitals in der Kongresshalle bei der legendären Meisterkonzert-Reihe; er hat seitdem längst internationales Parkett erobert und gehört zu den deutschen Spitzenpianisten der mittleren Generation. Unter den von Impresaria Ellen Schaaf begrüßten Besuchern waren etliche Fans von weither angereist, und wer noch nicht Klassikliebhaber war, konnte es an diesem Abend werden. Denn Eisinger bot ein Gesprächskonzert mit Musikbeispielen, Hintergründen und Anekdoten aus dem Leben von Franz Schubert, Richard Wagner, Franz Liszt und Frédéric Chopin. Resümee: ein Erlebnis nicht nur von überragender musikalischer Tiefe und technischer Meisterschaft, sondern auch im Sinne eines Brückenbauers zwischen Wort und Klang, zwischen Verständnis und Hörgenuss.

Gesprächskonzerte vergleichbaren Niveaus gab es vor wenigen Jahren im Stadttheater mit Stefan Mikisch; ebenso wie er hat auch Eisinger jahrelang das Bayreuther Publikum mit fundierten Einführungen in Klangwelten begleitet. Seine Vermittlung ist eine unspektakuläre, mit feinem Humor dosiert gewürzte, vor dem Werk fast bescheiden wirkende Art. Der Pianist überließ stets der Musik das letzte Wort und überzeugte nach seinen verbal eingebundenen Exzerpten mit plastisch und nuanciert durchgestalteten Interpretationen.

Schubert lächelt und brodelt

Zunächst hatte er sich zwei Beispiele aus den »Moments musicaux« ausgesucht. Zum Stück in As-Dur mit seiner traumverlorenen Stimmung verglich er Liszts »Liebestraum«, um das Spezifische der Tonart zu verdeutlichen. Im »Moment« in f-Moll gefiel der ausgeprägt tänzerische Duktus. Die dreisätzige A-Dur-Sonate schrieb der 22-jährigen Schubert für Josephine von Koller, eine junge, offenkundig fortgeschrittene Pianistin, denn die technischen Kniffligkeiten besonders der Rahmensätze wurden unter Eisingers Händen zur Realität. Er hob die latente Tragik in Schuberts Werk hervor; zwischen sonniger Heiterkeit und freundlichen Einsprengseln gebe es trübe Wolken und Schatten, die einen zweifelnden Menschen verrieten; so wirke selbst das Dur traurig: »Schubert lächelt..., und inwendig brodelt es.« Dem zwischen Heiterkeit und Dramatik wechselnden Allegro folgte ein verträumt musiziertes Adagio; im Schluss-Allegro mit seinem mozartischen Beginn ist ein wiederkehrender Walzer übermütig von einem anderen Motiv konterkariert.

Nach der Pause referierte Eisinger über Richard Wagners zentrale Gedanken in dessen musikdramatischem Schaffen: Liebe und Erlösung im Tod. Der Einzug der Gäste auf der Wartburg aus dem »Tannhäuser«, eine Bearbeitung von Franz Liszt, präsentierte sich statt mit Orchestertutti und Chören in machtvollem Dauerfeuer auf den Tasten. Mit allen Tricks: Für die Brillanz der Frauenstimmen stehen perlende Läufe in den hohen Lagen. Eisinger wies auf die komplizierte Harmonik etwa im Venusberg-Bacchanal hin und hob Wagners Einfluss auf spätere Komponisten bis hin zu Schönberg hervor. Das wegweisende Werk ist »Tristan«, aus dem der Pianist »Isoldes Liebestod« mit seinen schwebenden Dissonanzen, den wellenförmigen Crescendi und der Auflösung in transluzidem H-Dur eindrucksvoll darbot.

Nach dem Musikdrama das Klavier in Reinform: Frédéric Chopin. Eisinger hatte sich sein Nocturne Fis-Dur und die Ballade As-Dur vorgenommen. Seinen differenzierten Erklärungen folgte eine elegant intonierte Nachtstimmung und die plastische Erzählung von Treueprobe und Wassernixe mit den sich in Steigerungen wiederholenden Motiven – durchaus ein musikalisches Gegenstück zu Adam Mickiewiczs dichterischer Anregung.

Dem nicht enden wollenden Beifall fügte Eisinger ein effektvolles Encore hinzu: Carl Taussigs Klavierfassung des Walkürenritts aus Wagners »Walküre«, Kraftakt für die Kondition eines Pianisten, Tastendonner und virtuose Fingerarbeit, die ihresgleichen sucht. Olga Lappo-Danilewski

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