01. Juni 2009, 20:16 Uhr

Künftiges Stadtoberhaupt »auf Augenhöhe« erlebt

Gießen (kw).  Schätzungsweise bis zu 400 Menschen folgten am Samstag bei strahlendem Sonnenschein der Einladung der Gießener Allgemeinen Zeitung und des Gießener Anzeigers, um den beiden OB-Kandidaten Heinz-Peter Haumann und Dietlind Grabe-Bolz auf dem Kirchenplatz auf den Zahn zu fühlen.
01. Juni 2009, 20:16 Uhr
Die beiden Kandidaten hatten aufmerksame Zuhörer.

Ganz zum Schluss wurde der Ton etwas schärfer: Da warf Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann seiner Herausforderin Dietlind Grabe-Bolz vor, sie und ihre Fraktion hätten wichtige Entscheidungen »verschlafen« und deshalb kein Recht, nun einen Kassensturz zu fordern. Die SPD-Politikerin betonte anschließend, sie wolle OB werden, »weil ich in dieser Stadt lebe« - anders als der Christdemokrat mit Wohnsitz Lich-Langsdorf. In den anderthalb Stunden zuvor hatten die beiden Kandidaten auf solche Angriffe verzichtet und sich stattdessen auf die Fragen der Zuhörer konzentriert. Die machten am Samstagvormittag auf dem Kirchenplatz reichlich Gebrauch von der Gelegenheit, den beiden Bewerbern für die Oberbürgermeisterwahl am kommenden Sonntag auf den Zahn zu fühlen. Schätzungsweise bis zu 400 Menschen folgten bei strahlendem Sonnenschein der Einladung der Gießener Allgemeinen Zeitung und des Gießener Anzeigers.

Einige von ihnen waren gezielt gekommen, um ihre Themen anzusprechen oder das künftige Stadtoberhaupt unter freiem Himmel buchstäblich auf Augenhöhe zu erleben. Viele andere waren ohnehin auf dem Kirchenplatz unterwegs und blieben stehen - neugierig gemacht von der insgesamt kurzweiligen Art, Politik zu präsentieren. Denn die Moderatoren Burkhard Möller (AZ) und Erhard Goltze (GA) dämmten allzu weitschweifige Wortbeiträge sowohl bei den Fragen als auch bei den Antworten ein. Anders als bei vielen Hallen-Veranstaltungen war das »Parteivolk« in der Minderheit. Weder gab es blockweisen Jubel für den jeweils eigenen Kandidaten noch Störungen.

Haumann appellierte im Eingangs- »Statement« an die Bürger, sich selbst »in die Pflicht zu nehmen« und ihr Wahlrecht zu nutzen. Er, seine Kollegen und die CDU/Grüne/FDP-Koalition hätten das Gemeinwesen in den letzten Jahren vorangebracht. »Mehr als eine Milliarde Euro sind an investiven Mitteln in die Stadt geflossen. « Ein großer Teil davon seien zwar Landesgelder - etwa an die Hochschulen -, »aber auch wir haben uns angestrengt«. Für die Zukunft seien die Landesgartenschau 2014 und die Genossenschaft für die ehemaligen US-Wohnsiedlungen wichtige Vorhaben.

»Gießen ist eine lebendige, vielfältige, tolerante, sehr sympathische Stadt«, meinte Grabe-Bolz, »und sie wird derzeit unter Wert regiert.« So würden Bürger zu wenig informiert und beteiligt, was sich bei der Marktplatz-Neugestaltung und beim Großkino zeige. Das wolle sie im Falle eines Wahlsieges anders machen. Als »überzeugte Gießenerin« kenne sie Themen, Stärken und Probleme der Stadt: »Ich weiß, was die Menschen bewegt.«

Ist die Landesgartenschau bei der derzeitigen Schuldenlast überhaupt finanzierbar? Soll in ihrem Rahmen etwa ein Bootsverleih oder ein Café die Wieseckaue »verhunzen«? Und hatte die SPD der Marktplatz-Planung nicht auch zugestimmt? Mit solchen Fragen hakten die Zuhörer nach - und bekamen Antworten.

Grabe-Bolz sagte, es sei »nicht absehbar gewesen«, wie der Marktplatz aussehen würde und dass die Bushäuschen »außerirdisch« und unpraktisch sein würden. »Wir trauen seitdem keinem Computerbild mehr.« Haumann sicherte zu, Boote in der Wieseckaue »wird es nicht geben«. Die Gartenschau werde Gießen langfristig verschönern. Gerade in der Wirtschaftskrise müsse man sinnvoll Geld ausgeben, »um Arbeitsplätze zu sichern«.

»Wann bekommt das Stadttheater endlich einen Aufzug? Ist das Bauliche wichtiger als die behinderten Menschen? Es ist ein Armutszeugnis, dass die Stadt das nicht schafft«, fragte ein älterer Gießener unter Beifall. »Sie sprechen mir aus dem Herzen«, sagte Grabe-Bolz und wies hin auf die Machbarkeitsstudie, die ihre Fraktion in Auftrag gegeben hat. »Es ist machbar und finanzierbar.« Auch an anderen Stellen wolle sie ein barrierefreies Gießen. Haumann widersprach: Wie hoch die Kosten wären, sei unklar. »Ein so hoher Aufwand ist nicht vertretbar«, zumal der Denkmalschutz Schwierigkeiten bereite. »Wir kümmern uns« um die Belange der Behinderten, so der OB, etwa bei der Planung für das neue Rathaus. Das rief einen Betroffenen auf den Plan: »Ich würde Ihnen empfehlen, mal mit dem Rollstuhl durch die Stadt zu fahren, dann würden Sie so etwas nicht sagen.«

Wieso will die Stadt den »Ulenspiegel« verkaufen? Weil es »nicht Aufgabe der Stadt ist, eine Gaststätte zu betreiben«, meinte Haumann. Dass das Gelände auch künftig öffentlich genutzt wird, könne man vertraglich sichern - doch derzeit gebe es ja ohnehin keinen Interessenten. »Wir haben so wenige historische Kleinode«, entgegnete Grabe-Bolz. Das Ensemble solle auch deshalb in städtischer Hand bleiben, um ihm ein Schicksal wie das von Samen-Hahn und Alter Hauptpost zu ersparen.

Was wird aus dem bisherigen Stadtbibliotheks-Domizil in der Kongresshalle? Dringend nötig seien Räume für die rund 30 Theatergruppen in der Stadt, meinte ein Lehrer im Publikum. Wird die Neugestaltung der Fußgängerzone gelingen? Sie befürchte, dass das rote Pflaster bei Nässe zu glatt sein könnte, mahnte eine Frau, auf die Bürger zu hören. Eine Mutter beklagte eine zu wenig kinderfreundliche Innenstadt, eine Frau die vielen Baustellen (»es sieht schlimmer aus als nach der Bombardierung 1944«), ein Mann fehlende Radwege, ein anderer Vernachlässigung der Stadtteile.

Grabe-Bolz wurde gefragt, warum sie die Klinikums-Privatisierung das Kulturrathaus abgelehnt und warum sie Andrea Ypsilantis Griff nach dem Ministerpräsidentenamt befürwortet hat. Letzteres sei »ein Fehler« ihrer Partei gewesen, den sie mit verantworte, sagte die Sozialdemokratin.

Beim Klinikum sei sie nach wie vor der Meinung, die Privatisierung funktioniere »so nicht«. Der Rathausbau belaste die Stadt für Jahrzehnte mit Schulden.

Haumann sollte unter anderem Stellung beziehen dazu, was das »sozial« auf seinen Plakaten konkret bedeutet. Er nannte die Nordstadt, den Ehrenamts-Verein, den Kunstrasenplatz für den VfB 1900, die Straßensozialarbeit für die Trinkerszene oder die Entwicklung der Kindergärten zu Familienzentren.

Die letzte Frage stellten die Moderatoren: »Warum wollen Sie OB werden?« »Weil mir diese Aufgabe unendlich viel Spaß macht«, sagte Haumann. Er habe die Stadt und ihre Bürger in seinen sechs Amtsjahren »so kennengelernt, wie es kein Kandidat kann« - und er könne auf eine Mehrheit im Parlament setzen.

Grabe-Bolz sagte, für sie wäre es eine »ehrenvolle Aufgabe und große Herausforderung«, Gießen »mit Ihnen zusammen voranzubringen« in Richtung einer »Familien-, Wissenschafts- und Bildungsstadt«. Dass sie sich im Falle ihres Sieges mit der »fremden« Dreier-Koalition zusammenraufen müsste, könne ein Vorteil sein. »Wir Parteien sind gezwungen, uns zu einigen - im Sinne der Bürger.«

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