09. Januar 2019, 21:30 Uhr

Kräuter, Kröten, Kurioses

Deutschlands größte Sammlung historischer Naturkörper zur Herstellung von Arzneimitteln und Drogen ist gerettet. Vor 20 Jahren fand der Gießener Professor Volker Wissemann sie auf einem Dachboden und restaurierte sie bis jetzt. Dabei entdeckte der Fachmann auch Hinweise auf Justus von Liebig.
09. Januar 2019, 21:30 Uhr
Sortiert und beschriftet steht die historische Sammlung von Arzneipflanzen, -tieren und -mineralien nun in Göttingen. (Foto: pm)

Volker Wissemann muss sich wie ein Goldgräber gefühlt haben. Auf dem Dachboden des botanischen Instituts der Universität Göttingen schaut er in Kisten, die 60 Jahre lang ungeöffnet herumstanden. Eigentlich sollen sie wegen des Brandschutzes entsorgt werden. Der junge Student stößt zunächst auf Staub, Scherben und Gläser mit Pflanzenteilen, getrockneten Tieren und zerriebenen Mineralien. Bald stellt sich heraus: In dem Abstellraum schlummert in 50 Kisten die deutschlandweit größte historische Sammlung ihrer Art. Zu einem beträchtlichen Teil stammt sie aus Gießen – und ist nicht nur durch Justus von Liebigs Hände gegangen.

Ich war voller Enthusiasmus und hatte keine Vorstellung davon, wie groß dieses Projekt werden würde

Prof. Volker Wissemann

»Ich war voller Enthusiasmus und hatte keine Vorstellung davon, wie groß dieses Projekt werden würde«, sagt Wissemann und lächelt. »Wie bei unserem Pottwal.« Nach seinem Studium in Göttingen ist er nun Professor für Botanik an der Justus-Liebig-Universität Gießen – und für aufsehenerregende Großprojekte bekannt. 20 Jahre lang hat er die Sammlung ehrenamtlich entstaubt, bei Bedarf umgefüllt, etikettiert und katalogisiert – zusammen mit seiner ehemaligen Studienkollegin Kärin Nickelsen, die nun Professorin für Wissenschaftsgeschichte in München ist. Über ihre Nachforschungen und jede einzelne Probe haben sie jetzt ein rund 1000 Seiten starkes Buch veröffentlicht.

 

Wie aus einer Wunderkammer entsprungen

Sammlungsfund
Als die Proben 1998 gefunden werden, sind sie in schlechtem Zustand.

Ginsengwurzeln, Chinarinde, verschiedene Tees, Kaffee oder getrocknete Blüten – 8000 Proben aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert gehören der Sammlung an; vor allem getrocknete Pflanzen und Pflanzenteile, aber auch Tiere und Mineralien. Alle diese Naturkörper oder Rohdrogen wurden dazu eingesetzt, Arzneimittel oder Drogen herzustellen – und gehörten daher zur Grundkenntnis von Apothekern und Chemikern. Dazu besaß auch die Gießener Universitätsapotheke »Zum Pelikan« eine große Referenzsammlung mit 1900 Proben. Als der Inhaber, Carl Mettenheimer, 1899 starb, vermachte sie sein Sohn der Uni Göttingen – warum, ist bis heute unklar.

Einige der historischen Präparate scheinen eher einer Wunderkammer als einer Apotheke oder Universität entsprungen zu sein. Wozu zum Beispiel getrocknete Kröten, in Lavendel eingelegte Eidechsen oder Teile von Mumien verwendet wurden, ist in der Sammlung nicht dokumentiert. »Wir haben hier einen Querschnitt aus allem, was damals gesammelt wurde«, sagt Wissemann. Nicht nur Apotheker, auch Forscher sammelten Rohdrogen, etwa bei Entdeckungsreisen in unterschiedliche Teile der Welt.

Das ist wahrscheinlich eines der ersten Pfeilgifte, die überhaupt von Afrika nach Europa gekommen sind

Prof. Volker Wissemann

Eine ganz besondere Geschichte hat zum Beispiel das »Pfeilgift von Schomburgk«, ein ausgehöhlter Kürbis voll mit Holzspänen, die mit giftigem Pflanzensaft getränkt sind. »Das ist wahrscheinlich eines der ersten Pfeilgifte, die überhaupt von Afrika nach Europa gekommen sind«, sagt Wissemann. Auf dem Etikett ist zudem »durch Liebig erhalten« vermerkt – eine kleine Sensation, nicht nur für Gießener. Die älteste datierte Probe der Sammlung ist ein Stück »Bast vom Hemdenbaum« und nicht weniger bemerkenswert. 1815 brachte sie Alexander von Humboldt, einer der größten deutschen Naturforscher, aus Südamerika mit.

 

Folge von Nazi-Planungen

Sammlungen, wie die aus Göttingen und Gießen, sind heute eine Seltenheit. Nur in Marburg und Erlangen gibt es vergleichbare, aber weniger umfangreiche Belege. Grund dafür sind Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges. 1935 planten die Nazis, die Rohdrogen in Braunschweig zu zentralisieren. Nur dort gab es noch eine Finanzierung für die entsprechende Professur, und alle Universitäten waren aufgerufen, ihre Sammlungen dorthin zu senden. Göttingen, Marburg und Erlangen folgten der Aufforderung wohl nicht. Nun verfügen sie über die wenigen Sammlungen, die nicht während des Krieges in Braunschweig zerstört wurden.

Für die restaurierte Göttinger Sammlung wurden neue Schränke angeschafft und sogar ein neuer Raum gemauert. Bald sollen sie in das neue Forum Wissen in der Nähe des Göttinger Bahnhofs umziehen, wo es neben einer Ausstellung auch Probenlager und Arbeitsräume für Forscher geben soll. »Die Wissenschaftsgeschichte hat solche Quellen lange Zeit übersehen«, sagt Wissemann. Das Potenzial für weitere Nachforschungen sei nicht ansatzweise ausgeschöpft, auch für die mittelhessische Pharmaziegeschichte. »Die Naturwissenschaften lernen gerade wieder neu, dass auch älteres Material ein Reservoir für neue Arzneimittel darstellen kann.«

Info

Vermächtnis der Pelikan-Apotheke

Rund ein Viertel der historischen Sammlung, die 1998 in Göttingen gefunden wurde, stammt aus der Gießener Apotheke »Zum Pelikan«. Ein Sohn der damaligen Inhaberfamilie Mettenheimer vermachte sie 1899 der niedersächsischen Universität. Die Sammlung entstand vorwiegend unter Wilhelm Mettenheimer (1802–1864). Er studierte Pharmazie bei Justus von Liebig in Gießen, bestand 1826 das hessische Apothekerexamen, promovierte 1827 und übernahm die Apotheke »Zum Pelikan«. Als Dozent lehrte er Pharmakognosie an der Universität Gießen an Liebigs Institut und erhielt 1849 eine außerordentliche Professur. Wilhelms Sohn übernahm 1866 die Apotheke. Später wurde sie verkauft und von wechselnden Besitzern geführt.

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