Stadt Gießen

Kolb: Diabetes sollte ein Spezialist behandeln

Gießen (vo). Mindestens acht Millionen Deutsche sind Diabetiker, und es werden immer mehr. Deshalb gab Oberarzt Burkhard Kolb von der Medizinischen Klinik I des Evangelischen Krankenhauses seinem Vortrag am Mittwoch den Titel »Diabetes - süße Geißel des Wohlstands«.
22. Juli 2010, 19:48 Uhr
Burkhard Kolb, Oberarzt der Medizinischen Klinik I des »EV«, informierte einen großen Zuhörerkreis über Diabetes vom Typ II. 	(F
Burkhard Kolb, Oberarzt der Medizinischen Klinik I des »EV«, informierte einen großen Zuhörerkreis über Diabetes vom Typ II. (Foto: vo)

Direkt nach dem Krieg, als es Essen nur auf Marken gab, war die Zuckerkrankheit vom Typ 2 (»Altersdiabetes«) praktisch verschwunden. Jetzt, in der modernen Zeit, ist die Krankheit wieder auf dem Vormarsch. Mit einem geschichtlichen Rückblick erklärte der Referent - der im Rahmen der Reihe »Abend der Gesundheit« sprach - den Namen »Diabetes mellitus«, den man mit »honigsüßer Durchfluss« übersetzen könne: Die Begutachtung des Urins war wichtig für die Diagnose. Dabei mussten sich die Ärzte im Mittelalter auf ihre Sinne verlassen: hören, sehen, tasten, riechen - und schmecken. Weil die Nieren bei hohen Werten den Blutzucker nicht zurückhalten, bekommt der Harn einen süßen Geschmack.

Bei Diabetikern ist, so Kolb, der Kohlehydratstoffwechsel gestört. Dabei spiele das Insulin eine große Rolle, das von der Bauchspeicheldrüse normalerweise in genau ausreichender Menge zur Verfügung gestellt werde. Seine Aufgabe sei es, wie ein Schlüssel die Zellen aufzuschließen, damit sie die Energie der Kohlehydrate aufnehmen könnten. Werde dieser Schlüssel von den Zellen nicht mehr erkannt, spreche man von Insulinresistenz.

Sei Diabetes vom verbreiteten Typ 2 früher hauptsächlich bei Älteren vorgekommen, müsse man jetzt vor allem den Zusammenhang mit dem Übergewicht sehen. Hinzu kämen oft zu hohe Blutdruck-, Harnsäure- und Blutfettwerte, die zusammen zu schlimmen Folgeschäden führen könnten. Beispiele dafür seien Schlaganfall, Herzinfarkt sowie die Schädigung von Augen, Nieren, Magen und Darm, außerdem der sensiblen Nerven und der Blutgefäße in Beinen und Füßen. Oft würden Amputationen notwendig, vor allem bei Rauchern. Immer noch würden Potenzprobleme von Diabetikern als Tabu behandelt. Kolbs Rat: »Haben Sie den Mut, mit Ihrem Arzt darüber zu reden - es gibt Hilfe!«

Diabetes selbst tut nicht weh. Anzeichen könnten vermehrtes Wasserlassen, viel Durst, schlechteres Sehen, Gewichtsabnahme, schlecht heilende Wunden, Müdigkeit und Schlappheit sowie gehäufte Harnwegsinfekte sein. Das Risiko steige bei familiärer Belastung. Um den Blutzucker zu kontrollieren, solle man den Hausarzt um Untersuchungen im nüchternen Zustand und zwei Stunden nach einer Mahlzeit bitten. Hilfreich seien die Ermittlung eines Langzeitwerts und schließlich die Überweisung in eine Schwerpunktpraxis: »Ich bin der Meinung, Diabetes gehört in die Hände eines Spezialisten«, so Kolb.

Verständlich wird dies angesichts der vielfältigen Medikamente mit unterschiedlichen Wirkungsweisen, Einsatzmöglichkeiten und Nebenwirkungen, die ausführlich erläutert wurden. Als seinen Favoriten bezeichnete Kolb das Metformin, das den Zuckeraufbau in der Leber hemme, die Zuckeraufnahme in der Skelettmuskulatur verbessere, zu einer Gewichtsabnahme führe und die Insulinresistenz günstig beeinflusse. Leider könne es aber auch zu Übelkeit und Bauchschmerzen führen und dürfe nicht bei Nierenleiden eingesetzt werden.

Beginnen solle die Behandlung aber mit zuckerarmer Diät, Bewegung - vor allem Schwimmen sei empfehlenswert - und Gewichtsabnahme. Erst wenn sich dadurch im Lauf von sechs Monaten die Werte nicht reduzieren ließen, seien Tabletten oder eine Insulintherapie angezeigt. Bei all den unterschiedlichen Formen, in denen Insulin heute verabreicht werden könne, habe sich eine Hoffnung noch nicht verwirklicht: Auf eine Insulinpumpe, die die Werte eigenständig misst und das Insulin dosiert, müsse man wohl noch einige Jahre warten, so Kolb.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Kolb-Diabetes-sollte-ein-Spezialist-behandeln;art71,48850

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