16. Oktober 2017, 19:00 Uhr

Kofferversteigerung

Kofferversteigerung im Selbstversuch: Unser Autor auf der Jagd nach dem Koffer-Gold

In unserer Welt ist kaum noch Platz für Schatzsuchen. Uns fehlt Zeit, Geld und Mut. Also muss man improvisieren. Ich habe das gemacht. Bei einer Koffer-Versteigerung in der Kongresshalle.
16. Oktober 2017, 19:00 Uhr
Die 38 als Glückszahl?

Eine lange Schlange hat sich im kleinen Saal der Kongresshalle gebildet. Junge und Alte, Männer und Frauen begutachten die ausgelegten Versteigerungsstücke. Es sind Laptops, Smartphones, Kameras, aber auch Schmuck, Kleidung und Eisenwaren. Manche erhoffen sich ein Schnäppchen, das sie später im Netz gewinnbringend versteigern können. Andere, und dazu zähle ich mich, wollen den Jackpot. Und der verbirgt sich hoffentlich in einem der Koffer.

Maximal drei Monate Fundbüro

Ich habe am Tag zuvor mit dem Presseteam von Fraport gesprochen. Die Frankfurter Flughafengesellschaft ist Auftraggeber der Versteigerung und wird auf diesem Wege die vielen Fundsachen los, die sich am Airport ansammeln. Mindestens drei Monate werden die zurückgelassenen Stücke im Fundbüro aufbewahrt, dann wechseln sie den Besitzer. Natürlich werden die Koffer vorher kontrolliert, um gegebenenfalls den Besitzer ausfindig zu machen. Illegale Gegenstände und Lebensmittel werden entsorgt, das gleiche gilt für personenbezogene Daten. Alles andere bleibt laut Fraport aber in den Koffern. Theoretisch wäre somit auch der Fund eines Goldbarren möglich. Das hat mir die Pressesprecherin versichert.

Indiana Jones als Vorbild

Mit diesem Wissen begutachte ich die Koffer. Während meine Konkurrenten vor allem ein Auge auf die edlen Samsonite- und Rimova-Stücke werfen, konzentriere ich mich auf die unscheinbaren, alten und abgewetzten. Zum einen, um mein Portemonnaie zu schonen, zum anderen, weil ich vom größten Abenteurer aller Zeiten gelernt habe. In »Indiana Jones und der letzte Kreuzzug« begibt sich der Titelheld auf die Suche nach dem heiligen Gral. Während seine Kontrahenten einen goldenen und mit Edelsteinen besetzten Kelch für den Gral halten, setzte Indie auf einen einfachen Zimmermannsbecher – und sollte Recht behalten.

3, 2, 1 - gekauft

Die ersten Koffer gehen für deutlich über 100 Euro über den Tresen. Ein leerer Rimova-Trolli ist einem Bieter sogar 260 Euro wert. Gut so. Sollen die anderen doch gleich zu Beginn mit dem Geld um sich werfen, dann haben sie später nichts mehr, um mir in die Quere zu kommen. Doch nach und nach werden meine Sorgen größer. Es scheint kein Koffer dabei zu sein, der meinen Anforderungen und gleichzeitig meinem Budget entspricht. Doch dann erregt ein Fundstück meine Aufmerksamkeit. Ein schlichter, etwas abgewetzter Trolli wird angeboten. Ich hebe meine Bieterkarte. Ich versuche, einen äußerst solventen Eindruck zu machen. Mit einem gelangweilten Lächeln nehme ich die anderen Gebote zur Kenntnis. Bietet ruhig, ich biete mehr. 30 Euro werden aufgerufen, dann 40 Euro, 50 Euro. Meine Karte bleibt oben. 60 Euro, 70 Euro. Ich werde nervös. Mehr als 100 Euro will ich nicht ausgeben. Und da das Auktionshaus 18 Prozent Aufgeld plus 3 Prozent Mehrwertsteuer verlangt, ist das Ende der Fahnenstange bald erreicht. 75 Euro lache ich noch gelangweilt weg, als meine Karte auch bei 80 Euro oben bleibt, gibt auch der letzte Mitbieter auf. Für 85 Euro, mit Gebühren also 103 Euro, nehme ich den Koffer in Empfang.

 

Wer ist Wendy?

 

Eine halbe Stunde später: Der Koffer liegt auf meinem Küchentisch. Doch die anfängliche Goldgräberstimmung ist verschwunden, ein bedrückendes Gefühl macht sich breit. Vor mir liegt kein potenzieller Schatz, sondern das private Gepäck einer fremden Person. Mit Unbehagen öffne ich den Reißverschluss. Schmutzige Kleidung, ein Lippenstift, Damenschuhe. Es fühlt sich falsch an, in den privaten Sachen einer Fremden zu wühlen. In der Vordertasche finde ich die Visitenkarte eines Freiburger Restaurants, den Eintrittsbeleg für Stone Henge – und ein Namenschild. Offensichtlich war die Inhaberin des Koffers ein »Station Leader« in einem »Big Jungle Adventure" Park. Ein Name steht auch darauf: Wendy S. So viel zu den personenbezogenen Daten.

Ich fange an zu grübeln: Wer ist Wendy? Wie ist ihr Koffer im Fundbüro gelandet, und warum hat sie ihn nie abgeholt? Ich fasse einen Entschluss: Ich werde es herausfinden. Denn ich habe nicht nur Indiana Jones gesehen – sondern auch Sherlock Holmes gelesen.

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