15. September 2013, 21:08 Uhr

»Können Weltfrieden mitgestalten«

Gießen (awb). Austauschschüler aus aller Welt wie etwa der 18-jährige Ben aus den USA treffen sich beim Stammtisch in Gießen. Sie tauschen sich aus und sprechen über ihre Erfahrungen.
15. September 2013, 21:08 Uhr
US-Schüler Ben Wiegandt schnuppert ein Jahr an seinen deutschen Wurzeln. Er und zwölf weitere Schüler aus aller Welt werden von Uta Neumann (r.) betreut. (Foto: awb)

Benjamin Wiegandt ist 18 Jahre alt. Er möchte einfach »Ben« genannt werden; in Amerika mache man das so. Aus Massachusetts kommt er und ist nun seit einigen Tagen in Gießen. »In meiner Heimat denkt man bei Deutschland an professionellen Fußball, an ein modernes und faszinierendes Berlin und natürlich an gutes Bier«, berichtet er zum Einstieg. Grund seines Besuchs ist ein Schüleraustausch, organisiert vom »American Field Service« (AFS), der nicht nur für Menschen aus den Vereinigten Staaten arbeitet, sondern in vielen Ländern weltweit vermittelt. zum »AFS-Stammtisch« im Restaurant Alt-Gießen kommen viele junge Leute wie Ben. Sie haben vor ihrem ersten Schul- oder Studientag die Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen.

Wiegandt ist kein gewöhnlicher Name für einen US Amerikaner von der Ostküste. Schnell erklärt Ben seinen bereits vorhandenen Bezug zu Deutschland: Seine amerikanische Mutter studierte hier Medizin und brachte seinen Vater als Ehemann mit zurück in die Staaten, nahm seinen Namen an. Multikulturell zu leben war für Ben also bereits vor seiner Anreise alltäglich. »Manchmal reden wir sogar Deutsch oder eine beliebige Mischung«, erzählt der 18-Jährige mit einem Lächeln. Unabhängig davon fühlt sich der junge Mann »ganz klar« als Amerikaner. Für einen Austausch war Deutschland seine erste Wahl. »Ich möchte wissen, was Deutsche über Amerikaner denken und sehen, wie hier manche Dinge anders gemacht werden.« Er wolle durch seine Beobachtungen Ideen entwickeln, wie man Manches in der Heimat besser machen könne. Ben möchte mit viel Erfahrung zurückkehren und dann Ingenieurswissenschaften studieren. Bis dahin wird er in Gießen die Herderschule besuchen.

Eine wichtige Ansprechpartnerin für Ben und seine zwölf Kollegen aus aller Welt wird in dem kommenden Jahr Uta Neumann sein. Sie ist Vorsitzende des »American Field Service« für den Landkreis, dem beim AFS sogenannten »Komitee Gießen«. Neumann schwärmt sichtbar für den Austausch, für das Aufeinandertreffen so »unterschiedlicher und aufgeschlossener Menschen.« Sie sei selbst Austauschschülerin gewesen, berichtet die Vorsitzende. »Seit meiner Rückkehr vor so vielen Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich für den AFS.« Für sie ging es damals nach Florida. »Heute ist der AFS in der Lage, Kinder auf alle fünf Kontinente zu schicken. Sogar China hat großes Interesse.«

Neumann ist es sehr wichtig, sich während des Austauschjahres nicht nur auf Spaß und Feiern zu konzentrieren. »An erster Stelle müssen die Teilnehmer schnell und gut Deutsch lernen«, betont sie, »dann haben sie auch die Möglichkeit, sich richtig zu verbinden und ein positives Jahr zu erleben. Dazu gehört nicht nur Party zu machen, sondern auch viele andere Eindrücke wie Kultur mitzunehmen.« Die Kontakte und die Interessen, die während einer solchen Reise entstünden, »bleiben für immer erhalten.« Sie berichtet weiter: »Erst kürzlich meldete sich eine Frau aus Bolivien bei mir. Vor Jahren nahm sie an einem Austausch mit Deutschland teil. Dann war sie plötzlich wieder hier und wollte sich mit uns treffen.« Das Resultat dieser Verbindung ist »nicht nur für den Einzelnen ein großartiger Erfahrungsschatz, sondern geht noch wesentlich tiefer.« Ben pflichtet bei: Wer eine Kultur versteht und sich austauscht, werde nicht so schnell feindselig. »Schüleraustausch statt Schlagabtausch« quasi. Bereits in den kleinen Dingen könne man beobachten und seine eigenen Lehren ziehen. »Deutsche sind vorsichtiger als wir Amerikaner, in vielen Dingen. Das geht von der Mülltrennung bis hin zum Krieg.« Gedanken wie diese sind es wohl, die Uta Neumann als »wahren« interkulturellen Austausch versteht. »Wenn sich Engagements wie der AFS immer weiter entwickeln und wir immer weiter auf der Welt vermitteln, können wir mit diesen Menschen auf gewisse Weise den Weltfrieden mitgestalten.«

Jetzt heißt es für Ben und die anderen Austauschschüler aber nach Hause zu den Gastfamilien zu gehen. »Morgen wird ein anstrengender Tag.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos