14. August 2012, 19:53 Uhr

Knapp 2000 Erstklässler in Stadt und Kreis

Gießen (fd). Hier soll also dieser Ernst des Lebens beginnen, von dem die Erwachsenen ständig sprechen? Für 584 Kinder in der Stadt beginnt in dieser Woche die Schullaufbahn mit der Einschulung. Im Kreis sind es 1405 Erstklässler.
14. August 2012, 19:53 Uhr
Mit Musik und einer geschmückten Aula begrüßten die Kinder der Sandfeldschule ihre neuen Mitschüler bei deren erstem großen Tag in der Schullaufbahn. (Foto: Schepp)

Bereits am Dienstag ging es in vielen Grundschulen los. Dabei schienen die Kinder in ihrer neuer Umgebung, neben ihren neuen Mitschülern, vor ihren neuen Lehrern häufig gelassener als die Eltern. Auch für die beginnt ein weiterer Lebensabschnitt: Sie müssen nun loslassen und vertrauen.

In den meisten Fällen erinnert der Erstklässler am Tag der Einschulung an einen Turm mit fragiler Statik: Er steht, aber man weiß nicht, wie lange noch. Hinten auf den oft schmalen Schultern trägt er erstmals einen Ranzen. Dessen Anblick wirft aufgrund der Ausmaße eines Einzimmerappartements die Frage auf, ob man eine Schultasche inzwischen untervermieten kann. Vorne in den Armen hält der Erstklässler zu Beginn seiner Schullaufbahn eine Schultüte, offenbar um das Gewicht des Ranzens ausbalancieren zu können. Die muss – das lernt man nicht erst mit den Jahren im Physikunterricht – ebenfalls groß und schwer sein, damit der Erstklässler nicht nach hinten umkippt. Wer in den vergangenen Tagen durch die einschlägigen Abteilungen der Kaufhäuser lief, dem hätte sich der Gedanke aufdrängen können, Einschulung sei das neue Weihnachten. Doch vielleicht ist die prall gefüllte Schultüte in Wahrheit einfach notwendig, um die fragile Statik des Erstklässlers bei der Einschulung nicht zu gefährden.

An den meisten Grundschulen in Gießen war es bereits gestern soweit. Die anderen Erstklässler in der Stadt sind heute dran. Bei der Einschulung an der Sandfeldschule stand vielen Beteiligten das Unbehagen ob des neuen Lebensabschnitts noch ins Gesicht geschrieben. Hoffentlich sind die Kinder nett. Die Lehrer möglichst fähig. Am Ende sollte die Schullaufbahn weder zu kurz noch nicht zu lange dauern. Ihre Ängste konnten einige Elternteile kaum verbergen, während der Nachwuchs schon interessiert die Mitschüler beschnupperte. »Ich weiß, dass Sie im Moment einige Sorgen haben«, beruhigte Martina Schimmel als Leiterin der Sandfeldschule. »Haben Sie ein bisschen Vertrauen in uns. Lassen Sie ein bisschen los.«

Geburtstage wiederholen sich in erstaunlicher Regelmäßigkeit. Am Anfang findet man das noch gut. Mit den Jahren nicht mehr so. Dagegen bleibt die Einschulung einmalig. Erich Kästner beschreibt in seinen Erinnerungen, wie er die Schultüte am großen Tag fallen ließ. Er »stand bis an die Knöchel in Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen, Feigen, Apfelsinen, Törtchen, Waffeln und goldenen Maikäfern. « Wie sich das Missgeschick auf die fragile Statik des damals noch werdenden Schriftstellers auswirkte, ist nicht überliefert.



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