12. Februar 2019, 22:06 Uhr

Klischees und Kolonialismus

Der Neue Kunstverein zeigt die Ausstellung »Tropical Frenzy« von David Reiber Otalora. Und wieder einmal präsentiert sich der winzige Raum am Alten Friedhof von einer ungewöhnlichen Seite.
12. Februar 2019, 22:06 Uhr
Das Thema Kolonialismus beschäftigt David Reiber Otálora schon aufgrund seiner Herkunft. Er ist in Kolumbien aufgewachsen. (Foto: dkl)

Das Raumgefühl ist deutlich anders, wenn man derzeit den Kunstraum des Neuen Kunstverein Gießen betritt. Die apricotfarbenen Jalousien sind heruntergelassen und mildern nicht nur den Lichteinfall. Auch der Lärmpegel von der vielbefahrenen Kreuzung an der Licher Gabel scheint geringer als sonst zu sein. Das gehört zur Raumistallation von David Reiber Otalora.

Den Innenraum des Kunstkiosks hat der junge Gastkünstler mit Requisiten eines Büroraums ausgestattet. Allerdings mit künstlerisch gestalteten: da sind drei Kalenderblätter aus Pressholz, ein Aktenkoffer aus Marmor, ein Tropenhelm aus Keramik und ein Lüftungsgitter auf Mosaik. Eine kuriose Mischung, die ästhetisch ansprechend aufeinander abgestimmt ist. Reiber benennt Klischees und zeigt sie in ungewohnten Zusammenhängen, verfremdet sie auf durchaus humorvolle Weise.

Spuren des Kolonialismus

Das Thema Tropen, im Sinne von Spuren des Kolonialismus, ist bei genauem Hinsehen auch auf den Kalenderbrettern zu finden. Auf die oberen Enden hat er eine Zeichnung von Edouard Riou kopiert, die eine Ideallandschaft der Karbonzeit darstellt. Riou war einer der bekanntesten Illustratoren des 19. Jahrhunderts, er hat die Bücher von Jules Verne, Walter Scott und Alexandre Dumas bildlich bereichert. Das sind allesamt Klassiker der Abenteuer- und ersten Science-Fiction-Romane. Die Bilder haben sich ins kollektive Bildgedächtnis eingespeichert.

Das Thema Kolonialismus beschäftigt David Reiber Otálora schon aufgrund seiner Herkunft. Er ist 1992 in Münster geboren und in Bogota, Kolumbien, aufgewachsen. Er hat Verwandtschaft auf zwei Kontinenten. Zum Studium ging er an die Hochschule für bildende Künste in Hamburg, wo er sich auf Filmwissenschaft und Bildhauerei konzentrierte. Derzeit arbeitet er an seinem Masterabschluss. Erst kürzlich hat er einen viermonatigen Aufenthalt an der Pariser Kunstakademie absolviert. Dort ist das Werk für Gießen entstanden, was auch die französischen Anleihen erklärt. Künftig will er in Berlin leben.

Nach Gießen holte ihn der NKV-Vorsitzende Till Korfhage. Die beiden kennen sich seit einer Zusammenarbeit bei den Angewandten Theaterwissenschaften der Universität Gießen. Womöglich ist diese interessante Ausstellung nicht die letzte von Reiber Otalora in Gießen. Die Ausstellung endet am 23. März mit einem Künstlergespräch ab 15 Uhr.

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