19. Februar 2018, 21:11 Uhr

Klinge am Hals gespürt

19. Februar 2018, 21:11 Uhr

Sie musste nur ein paarmal tief durchatmen. Ansonsten war ihre Stimme fest, ihr Bericht fast sachlich. Dabei schilderte die 55-Jährige der Siebten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts am Montag ein wahres Horrorszenario: Mitten in der Nacht schreckte sie am 3. Juni vergangenen Jahres aus dem Schlaf. Zwei maskierte Männer standen in ihrem Schlafzimmer. Einer sprang auf ihr Bett, hielt ihr den Mund zu und ein Messer an die Kehle. »Ich habe die Klinge am Hals gespürt«, sagte die Gießenerin. »Wenn du nicht still bist, ramme ich dir das Messer in den Bauch«, habe der ganz in Schwarz gekleidete Fremde gedroht.

Soweit kam es zum Glück nicht. Die Männer auf der Anklagebank müssen sich wegen Raubes verantworten, aber nicht wegen Körperverletzung. Allerdings leiden die 55-Jährige und ihre 61-Jahre alte Mitbewohnerin, die in einem kleinen Haus im Läufertsröder Weg leben, bis heute an den psychischen Folgen. Zwei der Täter – ein 20 Jahre alter Syrer und ein 22-jähriger Somalier – hatten den Überfall bereits zugegeben. Laut Anklage sind sie von zwei anderen Männern, einem türkischstämmigen Deutschen und einem Spanier, angestiftet worden.

Auf der Suche nach 16 000 Euro

Diese beiden vermuteten demnach 16 000 Euro Bargeld in dem Häuschen. Sie sollen Kontakt zum Sohn des älteren Opfers gehabt haben. Der hatte unvorsichtigerweise erwähnt, eine Abfindung von seinem Arbeitgeber kassiert zu haben. Die mutmaßlichen Anstifter schweigen zu den Vorwürfen.

»Wo sind die 16 000 Euro?«, hätte einer der Maskierten immer wieder gefragt, schilderte die 55-Jährige. Doch das Geld war nicht in dem Haus. Sie habe beteuert, keine solchen Summen zu besitzen, sagte die Frau. Da hätten die Unbekannten angefangen, »das ganze Zimmer auseinanderzunehmen«. Sie habe eine Decke über den Kopf bekommen und sich »überhaupt nicht bewegen dürfen«, schilderte die Weststädterin.

Opfer leiden bis heute

Nur einmal drohte ihre Stimme zu brechen: Sie habe festgestellt, dass die Räuber ein Foto ihres verstorbenen Bruders zerschnitten hätten, sagte sie. »Ich weiß nicht, warum.« Mit einer gewissen Abscheu erzählte sie, einer der Unbekannten habe ihr übers Bein gestreichelt und gesagt: »Du siehst noch gut aus für dein Alter.« Die andere der beiden Frauen hatten die Männer zunächst in deren Schlafzimmer eingeschlossen. Später sperrten sie ihre Opfer in einen Flur und türmten unter anderem mit Fotoapparaten und Schmuck, den sie den Frauen zuvor teils vom Hals gerissen hatten. Da Zeugen die Flucht der Täter beobachteten, kamen die Ermittler ihnen auf die Schliche. Die zwei Gießenerinnen leben weiter in ihrem Haus. Sie berichteten der Kammer jedoch von Schlafstörungen und Angstzuständen. Beide sind noch in therapeutischer Behandlung.

Der Syrer hatte kurzzeitig schon vor einem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts gestanden. Durch seine Flucht »verselbstständigt«, soll er jedoch in einem gesonderten Verfahren nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Da dies bei schwerem Raub mindestens fünf Jahre Haft bedeutet, wurde sein Fall an das Landgericht verwiesen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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