20. Dezember 2018, 22:35 Uhr

Klasse Premiere in Pankratius

Gut 25 musizierende und singende Akteure auf der Bühne, fast zweieinhalb Stunden anregende Unterhaltung und 500 begeistert applaudierende Besucher. Drei Jahre nach dem »Drei Stimmen«-Abschied feierte die neue Reihe der Pankratiuskonzerte gestern Abend fulminante Premiere.
20. Dezember 2018, 22:35 Uhr
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Von Norbert Schmidt

Was für ein furioser Schlusspunkt bei diesem fast zweieinhalbstündigen Konzert, während dessen die Ohren der rund 500 aufmerksamen Zuhörer immer wieder große Augen machten: Wie ein musikalisches Hochamt erfüllte »Carols Medley« den in warme Farben getauchten und angesichts sparsamer Ausgestaltung wie eine Weihnachtskrippe anmutenden Raum der Pankratiuskapelle. Volle akustische Breitseite, angesiedelt zwischen klassischer Kirchenmusik und Gospel, durchsetzt mit Elementen aus Jazz, Swing und Rock. Stattlicher Chorgesang, virtuose Streicher und Bläser, plus »Strom-Instrumentalisten«, die sich hauptamtlich sonst meist auf ganz anderen Bühnen austoben. Erst »Carol Of The Bells«, dann das einer Hymne gleichende »Adeste fideles« in der britischen Fassung, »O Come All Ye Faithful«, und ein paar Takte später »Little Drummer Boy«, also ein weiterer emotionaler Brenner. Da brauchte nichts mehr zu kommen nach zwei Stunden bester, zu Herzen gehender Einstimmung auf das Christfest. Die Premiere am Donnerstg hatte Format. Die weiteren Veranstaltungen, heute und morgen, sind seit Wochen ausverkauft. Das kollektive Gießen-Wohlgefühl, soweit es sich auf die über ein Jahrzehnt währende und jeweils Tausende Besucher bewegende Reihe der »Drei Stimmen«-Konzerte zur Adventszeit bezog, ist neu entfacht. Neuauflage 2019 alles andere als ausgeschlossen.

Vieles ist neu, und doch wieder nicht. Etliche Akteure kennt man, an der Spitze der Langgönser Christian Krauß, der Spiritus rector. Der 46-jährige Toningenieur, Musiker und Musikproduzent wirkte bereits als Music-Mastermind des Erfolgsensembles »Drei Stimmen«, arrangierte für Tom Pfeiffer, Ingi Fett und Heinz-Jörg Ebert frühere Pankratiuskonzerte, gestaltete den George-Michael-Abend vor Jahresfrist in der Kongresshalle aus. Für die neue Konzertreihe, für die er seit 2016 Ideen und Inspiration gesammelt hatte, ergänzte er die bewährten Freunde um weitere Hochkaräter. Auch das bleibt: Der Erlös der Veranstaltungen ist bestimmt für »Drei Stimmen hilft«, das sich u.a. für die Arbeit der Evangelischen Behindertenseelsorge von Pfarrer Armin Gissel einsetzt.

Wer ist dabei? Ebert singt einige Titel, besorgt daneben die komplette Moderation, erklärt Musik und Motivation. Pfeiffer ist Solist und, wie die anderen Einzelinterpreten, beim sehr gut eingestimmten Gesangsensemble »Gruppe Heinrich«, Chormitglied. Neben Ingi Fett bietet Krauß eine zweite Gesangssolistin auf, Monique Schmitt aus Herborn. Auch der Wöllstädter Brite Nick Ramshaw, ein ausgesprochen authentischer Sänger, ist dabei. Starke Frauen bilden das Streichquartett: die Geigerinnen Monika Beck aus Stuttgart und Maria Voigt aus Würzburg sowie Maider Díaz de Greñu an der Bratsche und Cellistin Verena Sennekamp, beide aus Frankfurt. Als »Gebläse« agieren Christian Wahl und Daniel Hammer (beide Trompete/Flügelhorn) sowie der in der Region wurzelnde Saxofonist und Flötist Martin Zörb, der seine Brötchen beim Landespolizeiorchester Rheinland-Pfalz verdient. Nicht zu vergessen die in Pankratius akustisch geradezu handzahmen »Stromer«, Gitarrist Ole Rausch, Bassist Frank Höfliger und Schlagzeuger Dieter Steinmann, deren Spiel von Krauß am Piano abgerundet wird.

Welche Titel stehen in Pankratius auf der Liedertafel? 20 Stücke sind es, allesamt gemeinhin Weihnachtslieder, drei davon instrumental angestimmt. Krauß unterbreitet fünf Themenblöcke: »Schöne Weihnachtsmusik«, »Jetzt wird’s jazzig«, »Weihnachtslieder, die keine sind«, »Los geht’s!« und »Festlicher Abschluss«. Ganz stark das von Pe Werner auf der Basis von Bert Kämpferts »Love« geschriebene »Weihnachts-Abc« (M. Schmitt) sowie, von derselben Autorin, der »Segler aus Papier« (Ingi Fett). Ramshaw gibt John Lennons (Anti-Kriegslied) »So This Is Christmas«, Pfeiffer glänzt mit George Michaels »Last Christmas«. Und beide zusammen stimmen mit Ebert das Afrika-Hilfe-Lied »Do They Know It’s Christmas?« an. Die »Heinrichs« lassen unter anderem mit »Glorious Kingdom« aufhorchen, wobei sie eine Strophe in oberhessischer Mundart singen. Zwei Pop- und Rock-Arrangements geben dem Konzert eine besondere Note, nämlich die Mariah-Carey-Nummer »Santa Claus Is Coming To Town« mit einer virtuos interpretierenden Monique Schmitt und der von Ramshaw gesungene Shankin’-Stevens-Ohrwurm »Merry Christmas Everyone«. Ganz am Ende, vor dem gemeinsam mit dem Publikum angestimmten »O du fröhliche«, steht das eingangs beschriebene, fast sechseinhalbminütige Choräle-Medley. Fulminant!

Auch Armin Gissel trägt wieder zum Programm bei. Seine Worte machen aus der Veranstaltung einmal mehr eine demütig stimmende Adventsandacht. Er interpretiert eine Erzählung von Jack London, nimmt die Besucher mit an den Polarkreis, wo an einem kalten Winterabend hartgesottene Männer in einer Hütte sitzen. Goldsucher, Fallensteller, Pelzjäger. Eine Weihnachtsgeschichte wird es in dem Augenblick, in dem ein Fremder hinzukommt und aus seinem Leben erzählt. Er ist auf der Flucht – und unterwegs zu einer Frau und einem Kind.



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