05. November 2018, 22:06 Uhr

Kirche, Politik und Essiggurken

05. November 2018, 22:06 Uhr
Seit 1993 ist Jörn Dulige quasi als Cheflobbyist der evangelischen Kirche in der Landeshauptstadt tätig. (Foto: csk)

In politisch unruhigen Zeiten rückt schon mal näher zusammen, was scheinbar kaum weiter auseinanderliegen könnte. »Wirklich spalten darf uns nur die Essiggurke«, erklärte in diesem Sinne Jörn Dulige beim Jahresempfang des Evangelischen Dekanats Gießen am Sonntagabend in der Johanneskirche. Der Beauftragte der evangelischen Kirchen in Hessen am Sitz der Landesregierung spielte damit auf Werbeplakate einer amerikanischen Fast-Food-Kette an, die wiederum über den Umweg individueller Burger-Vorlieben ein Plädoyer für Integration und gegen Fremdenhass hält.

Genau dieses Anliegen verfolgte auch Dulige. Höchstes Ziel müsse stets sein, »eine Politik zu entwickeln, die dem gesellschaftlichen Zusammenhalt dient und Polarisierungen entgegenwirkt«, sagte der Pfarrer. Seit 1993 ist er quasi als Cheflobbyist der evangelischen Kirche in der Landeshauptstadt tätig, als »Scharnier zwischen Kirche und Staat«, wie er es selbst formulierte. »Zwischen Seelsorge und Lobbyismus« hatte Dulige seinen Gastvortrag denn auch überschrieben – und direkt hinzugefügt, »mit dem Begriff Lobbyismus an sich überhaupt kein Problem« zu haben.

Seine Arbeit skizzierte der 61-Jährige als von großen politischen Linien ebenso bestimmt wie von eher kleinteiligen Sachfragen. Dieser Tage erhalten beispielsweise alle Abgeordneten einen Begrüßungsbrief der evangelischen Kirchen. Wohlgemerkt: alle – auch die 19 Mandatsträger der AfD. Ihnen gegenüber wolle er sich ausdrücklich »offen und gesprächsbereit zeigen«, zugleich aber »sehr inhaltlich reden«, kündigte Dulige an. Grenzen seien da zu ziehen, wo etwa Rassismus oder Rechtsextremismus erkennbar würden.

Unter den aktuell oder in Kürze virulenten Themen beleuchtete der Pfarrer unter anderem eine mögliche Novelle des hessischen Ladenöffnungsgesetzes sowie die Diskussion über einen neuen gesetzlichen Feiertag, womöglich den Reformationstag. Ferner äußerte er sich zur Zukunft des islamischen Religionsunterrichts in Hessen. Ob dieser künftig, wie seit fünf Jahren, mit dem wegen Verbindungen zum türkischen Staat in die Kritik geratenen Moscheenverband Ditib organisiert wird oder nicht, konnte er freilich nicht sagen. Nur so viel: »Wir begrüßen grundsätzlich ein Unterrichtsangebot für muslimische Schüler.«

Die Verbindung zwischen Politik und Kirche hatte schon zu Beginn des Empfangs im Mittelpunkt gestanden – allerdings mit anderer Stoßrichtung. Gerhard Schulze-Velmede, der Vorsitzende des Dekanats, gratulierte dem scheidenden Dekan Frank-Tilo Becher (SPD) und Vorstandsmitglied Katrin Schleenbecker (Grüne) zum Einzug in den hessischen Landtag. Dass gleich zwei Personen aus der Dekanatsleitung ins Parlament wechseln, werde es »in der Geschichte unserer Kirche so schnell nicht wieder geben«.

Beide hinterließen an ihren bisherigen Positionen gewiss eine Lücke, betonte Dulige. Andererseits werden sie durch ihr Engagement persönlich umso stärker jener Prämisse gerecht, die Schulze-Velmede in seiner Begrüßung für den institutionellen Zusammenhang formulierte: »Kann es eine Verpflichtung zur Neutralität geben? Ich glaube, Kirche kann nicht neutral sein, sonst verleugnet sie sich selbst«, sagte er, wieder mit Blick auf aktuelle, grundsätzliche politische Auseinandersetzungen.

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