20. April 2012, 21:18 Uhr

Kinderschutz im Sportverein: Gespräche laufen

Gießen (kw). Verlangen Gießener Sportvereine künftig Erweiterte Führungszeugnisse von den Betreuern, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten? Darüber gibt es noch immer keine Klarheit: Das berichtete Claudia Boje, Sprecherin des Magistrats, auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung.
20. April 2012, 21:18 Uhr

Das neue Bundeskinderschutzgesetz enthalte keine klaren Vorgaben zu diesem Punkt. Es habe aber für eine »Versachlichung« der Diskussion gesorgt, die die Stadt seit über einem Jahr mit Vertretern von Sportvereinen und -verbänden führt.

Gießen (kw). Verlangen Gießener Sportvereine künftig Erweiterte Führungszeugnisse von den Betreuern, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten? Darüber gibt es noch immer keine Klarheit: Das berichtete Claudia Boje, Sprecherin des Magistrats, auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung. Das neue Bundeskinderschutzgesetz enthalte keine klaren Vorgaben zu diesem Punkt. Es habe aber für eine »Versachlichung« der Diskussion gesorgt, die die Stadt seit über einem Jahr mit Vertretern von Sportvereinen und -verbänden führt.

Eigentlich wollte die Stadt die Führungszeugnis-Pflicht für ehrenamtliche Mitarbeiter von Sportvereinen Anfang 2011 einführen. Doch nach massiven Protesten von Seiten der Vereine wurde das Inkrafttreten der neuen Sportförderrichtlinien verschoben. Seitdem arbeiten beide Seiten mit Unterstützung des Vereins Wildwasser gegen sexuellen Missbrauch sowie der Polizei an einer umfassenden Vereinbarung zum Kinderschutz, sagte Boje. Für Mitte Mai sei der nächste »Runde Tisch« vorgesehen. Möglicherweise könne man konkrete Ergebnisse vor den Sommerferien vorstellen.

Betroffen sind etwa 40 der 100 Vereine in Gießen, nämlich alle, die mit Minderjährigen arbeiten. Den ursprünglichen Plänen der Stadt zufolge sollten nur noch diejenigen städtische Zuschüsse erhalten, die Präventionskonzepte einschließlich Führungszeugnis-Pflicht umsetzen. Im Jugendhilfebereich wurde diese Regelung zum Herbst 2010 eingeführt. Mittlerweile seien organisatorische Anfangsschwierigkeiten ausgeräumt, so Boje. Die Stadt Gießen, damals eine der ersten Kommunen in Deutschland mit einer solchen Entscheidung, sei »ihrer Zeit voraus« gewesen. »Daher mussten wir einen deutlich höheren Überzeugungsaufwand betreiben, dass Kindeswohlgefährdung neben den kirchlichen und schulischen Einrichtungen auch ein Thema im Sportbereich ist.«

In einigen aktuellen Workshops und den angestrebten Richtlinien gehe es nicht nur um sexualisierte Gewalt, sondern etwa auch um Vernachlässigung, Drogenmissbrauch und andere Probleme, die Trainer bemerken könnten. »Die Stadt und die Kinderschutzorganisationen verstehen die Sportvereine als wichtigen Partner, Auffälligkeiten im Alltag festzustellen, um so den betroffenen Kindern und Jugendlichen Hilfen anbieten zu können«, so Boje.

Im Erweiterten Führungszeugniss sind neben erheblichen Vorstrafen auch geringere Verurteilungen festgehalten bei Delikten wie sexueller Missbrauch, Misshandlung Schutzbefohlener, Kinderpornografie-Besitz oder Exhibitionismus. Für Ehrenamtliche ist die Bescheinigung, die normalerweise 13 Euro kostet, auf Antrag gebührenfrei. In ganz Deutschland müssen Jugendhilfeträger die Vorstrafen-Auskunft auch von nebenamtlichen Mitarbeitern verlangen, die längere Zeit mit ihren Schützlingen allein sein können: Das steht im Kinderschutzgesetz, das Anfang dieses Jahres in Kraft getreten ist.

Für den Sportbereich trifft das Gesetz keine klare Aussage. Die Dachverbände empfehlen den Vereinen mittlerweile aber ausdrücklich zu prüfen, ob sie das Führungszeugnis als »Instrument der Gefahrenabwehr« nutzen. Damit könne der Verein ausschließen, dass bereits überführte Täter in seinen Reihen arbeiten, heißt es in einer Broschüre der Deutschen Sportjugend.

Auf jeden Fall nötig sei eine »Aufmerksamkeitskultur in den Sportvereinen«, so die Sportjugend. Übergriffe und Grenzverletzungen seien häufig noch ein Tabu, kämen aber immer wieder vor. Die körperliche und emotionale Nähe im Sport könne besondere Gefahren bergen. »Täter/-innen setzen gezielt auf das Vertrauen, das ihrer Position als Beteuer/-in, Lehrer/-in oder auch als Jugendtrainer/-in in einer anerkannten Institution entgegen gebracht wird.« Häufig genössen sie hohes Ansehen bei Eltern und im Verein, weil sie sich besonders bemühten, in einem guten Licht dazustehen, weiß die DSJ.

Ziel von Schutzkonzepten müsse sein, Betroffene zum Reden zu ermutigen und potenzielle Täter abzuschrecken. Zugleich könnten sie allen Übungsleitern Sicherheit geben; etwa wenn klare Regelungen gelten in Sachen Betreten von Umkleiden und Duschen, Autofahrten und Übernachtungen.



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