31. Dezember 2015, 16:00 Uhr

Keine Böller ohne Ausweis?

Feuerwehr, der Magistrat, selbst Hessens Sozialminister Stefan Grüttner hat dieser Tage eine warnende Mail verschickt. Der Tenor: Feuerwerk ist gefährlich, vor allem in den Händen von Minderjährigen. Doch wie ernst nehmen Gießener Geschäfte das Verbot? Wir haben den Test gemacht: Kommen Kinder einfach an Böller und Raketen? Das Fazit: Es ist sogar kinderleicht.
31. Dezember 2015, 16:00 Uhr
Felicia mit ihrer Beute. In drei von fünf Geschäften war die 17-Jährige erfolgreich. (Foto: Schepp)

Felicia Waldschmidt ist auf der Suche nach einem Opfer. Ihre Blicke wandern über die Kassen. Bei einer freundlich aussehenden jungen Frau verharrt ihr Blick. Felicia atmet einmal tief durch, packt die Raketen fester und schreitet zur Kasse. Das Spiel kann beginnen.

Es ist Dienstagnachmittag, in den Geschäften des Schiffenberger Tals brummt das Silvestergeschäft. Bier, Sekt, aber vor allem Feuerwerkskörper landen in den Einkaufswagen. Im Lidl hat sich eine Traube um den Feuerwerk-Wühltisch gebildet. Auf den Verpackungen steht in dicken Lettern: »In Deutschland ist die Abgabe an Personen unter 18 Jahren verboten.« Felicia greift zu.

Zugegeben: Felicia ist kein Kind mehr, sondern eine junge Frau. 17 Jahre, sie könnte aber auch als 19-Jährige durchgehen. Trotzdem: Feuerwerk der Kategorie 2 ist für Minderjährige tabu. Die Herderschülerin spielt heute den Lockvogel: Gelingt es ihr trotzdem, an die Raketen zu kommen?

Felicia steht an der Lidl-Kasse. Die »High Speed Bombs« liegen auf dem Band. Die junge Verkäuferin zieht sie über den Scanner. Piep-Piep-Piep: Ein Warnton erklingt. Die Kassiererin schaut auf, blickt Felicia in die Augen. Die 17-Jährige bleibt cool, lächelt. Die Verkäuferin scheint einen Moment zu zögern, dann lächelt sie zurück: »9.99 Euro. Danke. Ihnen noch einen schönen Tag.«

Mit den Raketen unterm Arm geht die 17-Jährige über den Parkplatz. »Ich habe mich für diese Kasse entschieden, weil die Verkäuferin so freundlich aussah. Und jung.« Die Beute kommt in den Kofferraum des Redaktionsautos. Auf zum nächsten Ziel. Während der kurzen Fahrt erzählt die 17-Jährige, noch nie Feuerwerk gekauft zu haben. Auch keinen Schnaps. »Irgendwie ist mir das zu dreist.« Dreist ist Felicia vielleicht nicht. Aber taff, wie sich im Bauhaus zeigt.

Die 17-Jährige schlendert durch den Eingangsbereich. Vor den Kassen ist ein großer Tisch mit Feuerwerk aufgebaut, dahinter steht ein junger Mann. Nonchalant greift Felicia nach einer Packung Raketen und geht zur Kasse. Wieder steuert sie eine junge Verkäuferin an. Die Frau will gerade kassieren, überlegt es sich dann aber anders und ruft einen Kollegen. Die beiden unterhalten sich, danach fragt die Verkäuferin: »Dürfte ich bitte Ihren Ausweis sehen?« Felicia gibt vor, keinen dabei zu haben. »Dann darf ich Ihnen die Packung leider nicht verkaufen.« Ohne Feuerwerk kehrt Felicia zum Wagen zurück.

Der 17-Jährigen scheint der Testkauf Spaß zu machen. Während der Fahrt zum Rewe werden die Erfolgsaussichten erörtert. Die einhellige Meinung: Keine Chance. Um ein wenig Abwechslung reinzubringen, entscheidet sich Felicia für eine ältere Verkäuferin. Mit »Party-Krachern« steht sie an der Kasse. Die Kassiererin zieht die Packung über den Scanner. Dann blickt sie auf – und wünscht einen guten Rutsch.
Felicia ist selbst überrascht, wie einfach das geht – zumal sie weiß, dass an den beiden Tagen vor Silvester vermehrt in den Geschäften kontrolliert wird. Warum Felicia trotzdem so erfolgreich ist? Die 17-Jährige zuckt mit den Schultern. »Vielleicht, weil in den Geschäften so viel los ist.«

Auf den Obi trifft das nicht zu. Felicia kann sich die Kasse aussuchen, nirgends eine Schlange. Sie entscheidet sich für einen jungen Mann. Er blickt Felicia in die Augen und lächelt. Offenbar hält er sie für alt genug. Keine Ausweiskontrolle, Felicia schleppt die Speedflyer-Raketen zum Auto.

Letzte Station: Aldi. Die Verkäuferin will die Raketen gerade über den Scanner ziehen, als sie inne hält. »Darf ich fragen, wie alt Sie sind?« Felicia ist ehrlich: »17, aber ich werde in drei Monaten 18.« Die Kassiererin legt einen fast mütterlichen Blick auf. »Das reicht leider nicht. Sie müssen 18 sein, um die Packung zu kaufen.« Felicia bedankt sich und verlässt den Laden.

Das Experiment ist beendet. Das Ergebnis: Fünf Geschäfte, dreimal wurde der Minderjährigen Feuerwerk verkauft. Nach dem Test konfrontieren wir die Geschäfte mit den Ergebnissen. Bauhaus freut sich und verweist auf die strengen Vorgaben. Rewe will im betreffenden Markt eine Nachschulung vornehmen. Aldi und Lidl waren nicht zu erreichen. Obi verwies auf die zentrale Pressestelle, eine Antwort blieb jedoch aus. Vermutlich wurden die Mitarbeiter in allen getesteten Geschäften auf das Verbot hingewiesen. Vielleicht haben die Kassierer bei Felicia einfach kurz nicht aufgepasst. Vielleicht hatte ein Minderjähriger bei Aldi oder Bauhaus später mehr Erfolg. Irren ist schließlich menschlich. Was bleibt? Eine Momentaufnahme. Und die Tatsache, dass die 17-jährige Felicia ein ordentliches Raketen-Arsenal angehäuft hat.    Christoph Hoffmann



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