19. September 2019, 21:59 Uhr

Kaum noch Exotik »beim Türken«

19. September 2019, 21:59 Uhr
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Von Christine Steines
Längst kein Abenteuer mehr: Die Obst- und Gemüseabteilung. (Foto: Schepp)

Es ist sehr süß, sehr klebrig und sehr lecker. Vier Kilogramm Baklava für 22,90 Euro. Kauft jemand so viel Honiggebäck auf einmal? »Probieren Sie auch die mit Mandel, die macht meine Schwester jeden Tag frisch«, rät ein Verkäufer und zeigt auf die Auslage. Gleich neben dem Eingang des türkischen Turgut-Supermarktes gibt es Herzhaftes und Süßes in großer Auswahl. Mit Spinat, mit Kümmel, mit Ziegenkäse, mit Pinien oder alles pur.

Das große Sortiment zeichnet den Markt in allen Bereichen aus. Gäbe es einen Preis dafür, möglichst viele Waren auf engstem Raum unterzubringen, trüge der Inhaber den Sieg davon. Die Regale sind voll, jeder Zentimeter wird genutzt, auf jedem Fleckchen steht noch ein zusätzlicher Ständer mit Süßigkeiten, Konserven oder Haushaltswaren. Bloß keinen Platz vergeuden! Im Schaufenster stehen Einkaufstrolleys für 9,90 Euro und silberne Bilderrahmen zum Schnäppchenpreis, drinnen findet man vom Anisschnaps bis zur Zahnbürste alles, was man zum Leben braucht oder gerne hat.

Wer eintaucht in die Tiefen der Gänge, könnte leicht den Überblick verlieren. Tut er aber nicht, denn die scheinbare Unordnung hat System, und außerdem ist überall schnell ein Verkäufer zur Stelle: »Was suchen Sie? Kann ich helfen?« Während man bei den großen Kollegen Aldi, Lidl oder Edeka schon mal eine Weile allein unterwegs ist, um ein Wunschprodukt aufzutreiben, gibt es hier jede Menge Mitarbeiter. Jeder ruft jedem dauernd etwas zu, manche wechseln schnell vom Türkischen ins Deutsche und umgekehrt. An der Fleischtheke gibt es Lamm, Rind und Huhn. Viele Hühnerkeulen, riesige Fleischbrocken - mit kleinen Portionen hält sich hier niemand auf. »Kein Türke kauft 500 Gramm Gehacktes oder ein Kilo Grillfleisch«, erklärt ein Kunde und lädt ein imposantes Paket in seinen Wagen. Seine Begleiterin schleppt einen 5-kg-Sack Reis und einen großen Beutel mit einer Paprika-Gewürzmischung herbei. Denn nicht nur beim Fleisch wird geklotzt. Überall gibt es Packungen, mit denen man ein ganzes Dorf versorgen könnte. Und das ist vermutlich eine Erklärung: Man isst im großen Kreis, da kann man mit dem, was wir »Haushaltspackung« nennen, nicht viel anfangen. Vor dem Regal mit den Gewürzen und Kräutern vermischen sich die Gerüche. Kreuzkümmel, Schwarzkümmel, Piment, Zimt, Thymian, Dill, Bockshornklee, Knoblauch, Petersilie, Minze, Sesam, Pul Biber, Tamarinde - all das gibt es in großer Vielfalt. Zum Glück sind auch wir mit diesen ehemals fremden Zutaten längst vertraut. Auch die Obst- und Gemüseabteilung ist nicht mehr exotisch. Das Angebot »beim Türken« ist nicht mehr sonderlich anders als »beim Rewe«. Die Zeiten, in denen ein solcher Einkauf ein kleines Abenteuer war, sind lange vorbei. Neben loser Ware gibt es hier wie dort viel Frisches in Plastik eingeschweißt.

Auf den Auberginen liegt eine große braune Papiertüte. Oben lugen frischer Rosmarin und Salbei heraus, da kann man sich ein paar Stängel herausklauben. Sie sehen so aus, als hätte sie gerade eben jemand im Garten gepflückt. Das wirkt ein bisschen Supermarkt-unorthodox - endlich. (cg)



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