17. Februar 2010, 20:00 Uhr

Kalaidjiev bringt das Hilfsprojekt »Musik statt Straße« auf den Weg

Geiger Georgi Kalaidjiev hat in Bulgarien das Hilfsprojekt »Musik statt Straße« auf den Weg gebracht. Das Kammermusikensemble Studio Konzertante half mit einer Spendenaktion.
17. Februar 2010, 20:00 Uhr
»Musik statt Straße«: Georgi Kalaidjiev mit einigen der talentierten Kinder aus dem bulgarischen Sliven. (Foto: hau)

Wenn Georgi Kalaidjiev von seiner Heimatstadt Sliven erzählt, glänzen seine Augen. Auch nach siebzehn Jahren in Gießen schlägt das Herz des Violinvirtuosen für die uralte Stadt mitten in Bulgarien. Und für die Menschen, die dort leben, insbesondere für die Kinder. Wann immer er durch die Straßen der Metropole zu Füßen der »Blauen Steine« schlendert, grüßen ihn die Menschen. Sie schätzen ihn, den ehemaligen Konzertmeister der weltberühmten Sofioter Solisten, mit denen er 18 Jahre lang als Botschafter bulgarischer Kultur auf umjubelter Tournee rund um den Globus war.

Auch in Gießen sind sein Name und sein Gesicht fast jedem vertraut. Seit 1993 ist Georgi Kalaidjiev Geiger bei der Städtischen Philharmonie, außerdem Gründer, musikalischer Leiter und Spiritus Rector des Kammermusikensembles Studio Konzertante. Er ist Mitglied in der Formation Escarmouche, musikalischer Leiter des Collegium musicum Stadtallendorf, und er unterrichtet Geige bei schulischen und interkulturellen Einrichtungen. Kalaidjiev ist nicht nur Künstler und Lehrer: Bescheiden und umsichtig macht er sich auch stark für humanitäre, kulturelle und pädagogische Ziele.

Seit Kalaidjiev sich in der schweren Zeit nach der Wende gezwungen sah, seine Heimat zu verlassen, hat er kulturelle Kontakte zwischen Deutschland und Bulgarien geknüpft. Mit seiner Hilfe konnten bulgarische Künstler ihr Können in Deutschland zeigen. Kindertanzgruppen kamen, begeisterten die Hessentagsbesucher und lernten bei ihren Auftritten an Gießener Schulen deutsche Kinder kennen. So manche Benefiz- und Spendenaktion sowohl zugunsten von armen Familien in Sliven als auch für UNICEF, Hochwasserhilfe für das Stadttheater in Döbeln und Kinderhilfe in Uganda (GAIN) hat Ka- laidjiev schon initiiert und in Bulgarien musikalische Sommerakademien und Konzerte mit seinem Kammerorchester Collegium musicum veranstaltet. »Die Kinder sind die eigentlichen Verlierer unserer Zeit«, hadert Kalaidjiev mit dem Schicksal zahlloser Familien in seiner Heimat, wo seiner Erfahrung nach die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker auseinander-klafft.

Als Kalaidjiev vor zwei Jahren mit seiner Frau Maria wieder einmal Sliven besuchte, waren die beiden von der Armut derart erschüttert, dass sie Essen kauften, um es an die Hungernden in den Straßen zu verteilen. Sie überlegten, wie sie nachhaltig helfen könnten. Das war die Geburtsstunde des Kinderhilfsprojekts »Musik statt Straße«. Kalaidjiev erläutert die Idee: »Musik erzieht die Kinder, sie bildet und beschenkt umfassend.« Überdies biete aktives Musizieren soziale Kontakte, gebe Halt und eröffne eine neue Welt. »Das Beste der Musik steht nicht in den Noten«, zitiert Kalaidjiev Gustav Mahler, und er weiß, wovon er spricht.

Georgi Kalaidjiev denkt an sein eigenes Schicksal: an den fünfjährigen Jungen, dem sein Vater die ersten Lieder auf der Geige beibrachte, dessen besondere Liebe zu diesem Instrument und ein außergewöhnliches Talent entdeckt wurden - nach ungezählten Stunden fleißigen Übens unter der Obhut von guten Lehrern. »Nach der Aufnahmeprüfung lernte ich fünf Jahre an der Musikschule. Es war eine schöne, aber auch schwere Zeit. Das Geld reichte nicht und ich musste es mir mit Arbeit verdienen«. Auch das Musikstudium in Sofia hätten sich die Eltern nicht leisten können, erinnert sich Kalaidjiev. Ohne das Dobri-Tschintolov-Stipendium der Stadt Sliven hätte er es nicht geschafft. »Heute gibt es diese nach dem berühmten Sohn der Stadt benannte Unterstützung für arme, talentierte Kinder nicht mehr«, bedauert Kalaidjiev.

Für eben solche Kinder sehen der Geiger und seine als Sozialpädagogin arbeitende Frau jetzt eine Perspektive. »Wir haben ein wunderbares Haus gefunden«, erzählen sie. Dort würden im Auftrag der Stadt Straßenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien betreut. Zweimal pro Woche könnten talentierte Kinder hier nun auch Musikunterricht und ein kräftigendes Essen bekommen, die sonst nie die Chance dazu hätten. »Wir dürfen die Räume nutzen, stellen aber alles andere selbst.« Unterstützung erfährt das Projekt durch Radka Kuseva. Die Leiterin der örtlichen Musikschule »Junge Virtuosen« ist mit dem Herzen bei der Sache. Sie und ihre Kollegen sprechen gezielt Kinder auf der Straße an, wählen sorgfältig aus und geben ihnen praktischen Unterricht an Geige, Gitarre, Akkordeon und Klavier. Dazu gehören auch Musiktheorie, Musizieren im Ensemble und bildende Kunst wie das Malen. »Alle arbeiteten für ein geringes Honorar, sodass wir mit 30 Euro pro Kind und Monat kalkulieren können. Vierzehn Kinder sind es schon, die seit letztem Herbst regelmäßig kommen.« Nur fürs Üben gebe es noch ein Handicap: »Dringend brauchen wir Leihinstrumente, die die Kinder mit nach Hause nehmen können.«

Musiker und Medien werden aktiv

Der Kreis der Unterstützer werde immer größer, und auch die Medien berichteten von der beispielhaften Initiative. So habe etwa Radio Sliven ein ausführliches Porträt ausgestrahlt, ist Kalaidjiev glücklich. Beistand erfahre das Projekt zudem durch das deutsche Journalistenehepaar Lange aus Gera: Die beiden sind vor einiger Zeit in die bulgarische Partnerstadt Sliven ausgewandert, von ihnen stammt auch der Vorschlag für den Projektnamen »Musik statt Straße«.

Dass das Kinderhilfsprojekt nach langer Vorbereitungszeit erfolgreich anlaufen konnte, sei der großzügigen Unterstützung in Gießen zu verdanken, verneigt sich Kalaidjiev insbesondere vor seinen Musikerkollegen von Studio Konzertante. Das Kammerorchester hatte anlässlich seines zehnjährigen Bestehens im vergangenen Sommer zum Benefizkonzert eingeladen. Es wurde ein Erfolg im ausverkauften Großen Saal des Stadttheaters, die Zuhörer waren begeistert und unterstützten die gute Sache.

»Alle Musiker hatten zugunsten der Kinder von Sliven auf ihr Honorar verzichtet, und zusammen mit den Spendeneinnahmen sind 1500 Euro auf das Projektkonto geflossen«, berichtet Kalaidjiev. Auch für die weitere Unterstützung sei er unendlich dankbar. »Das Schöne ist: Wir wissen, dass jeder Cent ankommt«, freuen sich allen voran Georgi und Maria für die Kinder von Sliven. Ihr Traum: Dass die jungen Musiker eines Tages eine Orchesterreise nach Deutschland antreten können. Annette Hausmanns



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