06. September 2019, 11:00 Uhr

Mensch, Gießen

Josephine Bonica: Ein Anker in der Kaffee-Bucht

Josephine Bonica wohnt schon ihr ganzes Leben lang in Gießen. Auch beruflich hat sie hier ihr Glück gefunden. Privat engagiert sich die 30-Jährige gegen rechtsgerichtete Gruppierungen.
06. September 2019, 11:00 Uhr
Der Seltersweg nimmt im Leben von Josephine Bonica eine zentrale Rolle ein. Beruflich und privat. (Foto: Schepp)

Es ist noch gar nicht lange her, da saß Josephine Bonica im Auto und hat geweint. Wieder Stau auf der A5, wieder diese elend lange Baustelle, wieder Stress, Hektik und wertvolle Zeit im Auto vergeudet. »Spätestens da kam mir der Gedanke, dass ich beruflich etwas ändern muss«, erzählt die 30-Jährige. Das tat sie dann auch. Heute kann sie zu Fuß zur Arbeit gehen, es dauert keine zehn Minuten. Und auf dem Weg kommt sie gleich an mehreren Orten vorbei, die ihr viel bedeuten. An einigen hat sie besondere Menschen kennengelernt. Andere haben ihren beruflichen Weg geebnet. Und auf einen Ort trifft sogar beides zu.

Josephine Bonica, die von allen nur »Jose« genannt wird, sitzt an diesem Morgen auf einer Bank in der Löwengasse. In der einen Hand hält sie eine Reyno-Zigarette, mit der anderen führt sie einen Kaffee an die Lippen. Er stammt von gegenüber, aus der Coffee Bay. »Ich komme fast jeden Morgen hier her«, sagt die Gießenerin. Klar, der Laden liegt auf ihrem Arbeitsweg. Ihr morgendlicher Besuch hat aber noch einen anderen Grund: Denn der Coffeeshop spielt in ihrem Leben eine ganz besondere Rolle.

Bonica ist an der Ecke Asterweg/Schillerstraße aufgewachsen. Ihr Vater, ein gebürtiger Amerikaner mit italienischen Wurzeln, ist Jazzmusiker, die Mutter gelernte Krankenschwester. »Im Herzen war sie aber immer schon ein kleiner Hippie«, sagt die Tochter und erzählt, dass ihre Mutter sich nicht nur bei »Omas gegen Rechts« engagiert, sondern gerade erst von einem Tripp auf dem Rettungsschiff Alan Kurdi zurückgekehrt ist. Auf dem Mittelmeer half sie dabei, schiffbrüchige Menschen aus dem Wasser zu ziehen. »Wir sind alle sehr stolz auf sie«, sagt die Tochter und meint mit »wir« auch ihren älteren Bruder. Die beiden stehen sich sehr nahe. Als sich die Eltern vor einigen Jahren trennten, ließen sich die Geschwister Partnertattoos stechen. Es zeigt Herz, Anker und den Schriftzug »sink or swim«. Untergehen - oder das Beste daraus machen. »Das war eine sehr emotionale Zeit für uns. Wir wollten zeigen, dass wir trotz der Trennung zusammen gehören.«

Die politische Einstellung und das Engagement ihrer Eltern haben die Gießenerin stark geprägt. So setzte sie sich zum Beispiel für die Menschen ein, die 2015 vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland flüchteten. Die 30-Jährige hatte auch bei der Aufkleber-Aktion ihre Finger im Spiel, die 2016 in der Innenstadt für Aufsehen sorgte. Mehrere Gießener Gastronomie-Betriebe klebten Hinweise an ihre Türen, dass »Nazis, AfD und Pegida« draußen bleiben sollten. »Dafür haben wir viel Gegenwind erhalten«, erinnert sie sich. Mit einem Schulterzucken macht sie deutlich, dass ihr die Anfeindungen nicht viel ausgemacht haben. Denn ihre Meinung hat sich nicht geändert. »Mit solch einer rechten Gesinnung möchte ich nichts zu tun haben.«

Bonica sagt von sich, schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt zu haben. Das ist auch der Grund dafür, warum sie lange Zeit Polizistin werden wollte - zum Entsetzen ihrer Eltern. »Sie haben gesagt, ich soll gefälligst etwas Anständiges machen«, sagt die Gießenerin lachend. Und so begann sie nach dem Abitur an der Ostschule ein Studium. Sprachen und Wirtschaft, wobei letzteres bei ihrer alternativ angehauchten Mama ebenfalls keine Begeisterungsstürme auslöste. Und zu Beginn des Studiums schien die Mutter auch Recht zu behalten. »In Wirtschaft bin ich permanent durch die Kurse gefallen. Ich war echt schlecht.« Zumindest in der Theorie.

Die Gießenerin hat schon während der Schulzeit im Ulenspiegel gearbeitet. Um das Studium finanzieren zu können, heuerte sie dann noch bei Coffee Bay an. Abends servierte sie Drinks, morgens reichte sie Kaffee gegen den Kater. Die perfekte Symbiose. Trotzdem ließ sie den Club bald hinter sich und konzentrierte sich auf ihr Studium und das Kaffeegeschäft, in dem ihr sogar die Filialleitung angeboten wurde. Bonica nahm an - und kam gehörig ins Schwitzen. »Das war katastrophal. 70-Stunden-Wochen waren keine Seltenheit. Trotzdem hat es unglaublich viel Spaß gemacht.« Es war eine prägende Zeit. Denn bei Coffee Bay hat sie Menschen kennengelernt, die noch heute zu ihren besten Freunden zählen. Außerdem hat sie dem Laden in der Löwengasse ihre Rückkehr nach Gießen zu verdanken - wenn auch über Umwege.

Nach ihrem Studium an der JLU ging Bonica an die THM und setzte ein Wirtschaftsstudium obendrauf. Und dieses mal klappte es auch mit dem Stoff. »Vermutlich, weil es praktischer war«, sagt die Gießenerin. Sie spezialisierte sich auf Steuerrecht und ergatterte einen Job beim weltweit größten Wirtschaftsprüfer in Frankfurt. Drei Jahre lang kontrollierte sie die Bilanzen von mittelständischen und großen Unternehmen. Ein Beruf, der ihr Spaß machte, mit besten Perspektiven. Glücklich wurde sie trotzdem nicht.

Man könnte sagen, der Zufall schlug zu, tatsächlich aber hat ihre Zeit bei Coffee Bay eine entscheidende Rolle beim Berufswechsel gespielt. Vor rund vier Monaten wurde sie von ihrer früheren Chefin zu einem Grillabend eingeladen. Auf der Feier sprach sie auch mit Darré-Chef Heinz-Jörg Ebert. »Zwei Wochen später habe ich meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben.« Seither ist die Gießenerin nicht nur Verwaltungschefin des Schuhhauses, sie betreut zukünftig auch die dazugehörigen Immobilien.

Bonica ist eine lockere junge Frau, die gerne lacht. Kein Wunder, dass sie einen großen Freundeskreis hat. Und der ist ihr wichtiger als beruflicher Erfolg - auch wenn die 30-Jährige betont, bei Darré nicht nur einen tollen Job, sondern auch ein angenehmes Arbeitsklima gefunden zu haben. Besonders gefalle ihr aber, dass ihr Chef sich so für den Seltersweg einsetze, sagt Bonica. »Schließlich liegt mir die Innenstadt sehr am Herzen.« Hier verdient sie nicht nur ihr Geld, sie gibt es hier auch gerne aus. Zum Beispiel in den vielen Bars und Restaurants, in denen die Gíeßenerin oft anzutreffen ist. Oder auf dem Wochenmarkt, wo sie sich regelmäßig mit Freunden trifft. Die Innenstadt ist auch wörtlich genommen ihr Zuhause, von ihrem Schlafzimmer aus kann sie den Trubel des Marktplatzes hören. Und da viele ihrer Freunde direkt um die Ecke wohnen, kann es schon mal vorkommen, dass Bonica am späten Abend im Schlafanzug über die Straße huscht. Auf ein Weinchen bei der Freundin.

Als Bonica damals im Auto saß und weinte, fasste sie einen Entschluss: Es muss sich etwas ändern. Sie hätte auch nach Frankfurt ziehen können. Das Problem wäre gelöst gewesen. »Aber das wollte ich nicht«, sagt die 30-Jährige. »Frankfurt ist zwar toll. Aber ich liebe Gießen.« Es seien die Leute, die die Stadt zu etwas Besonderen machten, sie seien offen, locker, multikulturell.

Bonica muss lachen: »Damals, bei der Einführungswoche an der Uni, haben wir den Ersties von außerhalb gesagt: Man heult immer zweimal: Wenn man nach Gießen kommt, und wenn man die Stadt wieder verlässt.« Bonica weiß, wovon sie redet: Ihre letzten Tränen haben sie zurück nach Gießen geführt.

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