15. April 2015, 21:23 Uhr

Johannesstift: 114 Jahre alter Bau wird abgerissen

Gießen (kw). Der Altbau des Johannesstift wird abgerissen. Am Mittwoch begannen schwere Maschinen, an den Mauern des einstigen Evangelischen Schwesternhauses zu nagen. Mancher Passant fragte sich: Darf ein so altes Gemäuer zerstört werden?
15. April 2015, 21:23 Uhr
Gestern begannen die Abrissarbeiten an der Johannesstraße. Bis Herbst nächsten Jahres soll hier ein Pflegeheim-Neubau stehen. (Fotos: Schepp/Archiv)

Ja, denn es ist nicht denkmalgeschützt. Nicht alles, was alt ist, sei als erhaltenswert eingestuft, erläuterte auf GAZ-Anfrage Dr. Katrin Bek, Sprecherin des Landesamts für Denkmalpflege.

Eröffnet wurde das damalige Krankenhaus im Jahr 1900. Damals entschied sich der Verein für Kranken-, Alten- und Kinderpflege für den Standort am Rand des Stadtkerns, weil er als ruhig galt. Denn – abgesehen vom vergleichsweise bescheidenen Verkehrsaufkommen – die Johannesstraße führte noch nicht bis zur Johanneskirche. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau von Bomben beschädigt und danach wieder aufgebaut. Und allmählich begann der Autolärm zum Problem zu werden. Von »einem Stück Gießener Verkehrschaos« berichtete die Gießener Allgemeine Zeitung 1973. Das Sträßchen sei chronisch verstopft, die Zufahrt zum Unfallkrankenhaus ständig behindert. 1982 zog das »EV« in den Neubau auf der Hardt. Das historische Gebäude wurde fortan als Seniorenheim genutzt. Gerade wegen seiner Innenstadtlage ist das Johannesstift sehr beliebt.

Die Entscheidung für den Abriss habe man sich nicht leicht gemacht, betonten vor einem Jahr Verantwortliche des Trägervereins. Eine Sanierung wäre jedoch unverhältnismäßig aufwendig gewesen. Vor allem hätte man den Wunsch nach einem komplett barrierefreien, modernen Pflegeheim auf einer Ebene nicht realisieren können.

Wäre das Gebäude denkmalgeschützt gewesen, so hätte die Beseitigung einer Genehmigung durch die Denkmalbehörden bedurft. Die sei »sehr schwer« zu bekommen, erklärte Katrin Bek.

Warum das alte Schwesternhaus nicht als Kulturdenkmal galt, konnte sie nicht sagen. Laut Denkmalschutzgesetz sollen diejenigen Gemäuer geschützt werden, »an deren Erhaltung aus künstlerischen, wissenschaftlichen, technischen, geschichtlichen oder städtebaulichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht«. Jedes einzelne Gebäude, das als Denkmal in Frage kommt, werde von einem Fachmann begutachtet, erläutert Bek. Dabei spiele beispielsweise auch eine Rolle, wie viele Bauten dieser Art es in einer Stadt gibt.

Die Johannesstraße ist wegen des Abrisses voraussichtlich bis Ende nächster Woche voll gesperrt. Die Bewohner des Altbaus wurden in Ausweichdomizilen untergebracht. Bis Herbst 2016 soll ein Pflegeheim mit 56 Plätzen entstehen. Damit setzt der Trägerverein die Modernisierung des Johannesstifts fort. Der laufende Bauabschnitt – dazu gehörte auch das Haus für betreutes Wohnen an der Maigasse – soll 11 Millionen Euro kosten.

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