16. Februar 2012, 23:13 Uhr

Jobcenter: Weg aus »Hartz IV« heraus unverändert schwierig

Gießen (si). Das Jobcenter Gießen hat im vergangenen Jahr fast genauso viele (Langzeit-)Arbeitslose und Geringverdiener betreut wie 2010 – trotz starker Konjunktur, durch die die Arbeitslosigkeit am ersten Arbeitsmarkt deutlich zurückgegangen ist.
16. Februar 2012, 23:13 Uhr

Ende Dezember war die Einrichtung für 6794 sogenannte »erwerbsfähige Leistungsbezieher« zuständig – nur einen weniger als im Vorjahr. Es zeigt, wie schwer der Sprung für Hartz-IV-Bezieher zurück ins »normale« Erwerbsleben selbst unter günstigen Rahmenbedingungen ist und wie schwer es die Einrichtung hat, ihren Auftrag zu erfüllen: Die Menschen dabei zu unterstützen, dass sie ihren Lebensunterhalt aus eigenen Mitteln und mit eigenen Kräften bestreiten können.

Unzufrieden ist das von Landkreis und Agentur für Arbeit getragene Jobcenter dennoch nicht. Und dafür gibt es gute Gründe. Unter anderem hatte es im vergangenen Jahr zwar immerhin 12,7 Millionen Euro zur Verfügung, um Arbeitslose durch Qualifizierungen oder Umschulungen und andere »Eingliederungsleistungen« wieder an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Doch das war fast ein Drittel weniger als 2010. Dennoch brachte die Einrichtung rund 3000 Arbeitslose zumindest vorübergehend in den ersten Arbeitsmarkt, so viele wie im Vorjahr.

Das Jobcenter habe die mit Kommune und Agentur getroffenen Zielvereinbarungen wieder »voll erfüllt«, sagte am Donnerstag Geschäftsführer Wolfgang Hofmann vor Journalisten zur Bilanz des vergangenen Jahres. Nach Angaben von Susanne Rabe-Globuschütz, Geschäftsführerin operativ bei der Agentur für Arbeit, gelang die Heranführung an den Arbeitsmarkt vor allem bei zwei Gruppen besser: Bei Jugendlichen (549 »Integrationen«, ein Plus von zwei Prozent) und dann bei den über 50-Jährigen (367, zehn Prozent mehr). Laut Landrätin Anita Schneider, die auch Vorsitzende der Trägerversammlung ist, hat das Gießener Jobcenter beispielsweise beim »Projekt Bürgerarbeit« auch im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Knapp ein Drittel aller Teilnehmer – insgesamt waren es 150 – hätten anschließend eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gefunden, sagte sie.

Wieviele dauerhaft beschäftigt bleiben, ist damit nicht geklärt. Die Statistik sagt dazu wenig. Zahlen gibt es für ältere Langzeitarbeitslose, die das Jobcenter für die Allgemeine Zeitung aufbereitet hat. Danach waren von den 326 Personen, die 2010 über den Beschäftigungspakt »Chance 50plus« vermittelt wurden, Mitte 2011 mindestens noch zwei Drittel erwerbstätig. Hinzu kommt ein kleiner Teil, über den es keine Erkenntnisse gibt, der aber zumindest keine Leistungen zum Lebensunterhalt mehr erhält.

Zuständig ist das Jobcenter nicht nur für Arbeitslose, die »Hartz IV« beziehen, sondern auch für andere Bedürftige: Eltern etwa, die Kinder betreuen oder junge Leute, die noch zur Schule gehen und deshalb dem Arbeitsmarkt nicht zu Verfügung stehen. Oder Menschen in Arbeit, die sehr wenig verdienen und deshalb ergänzend Arbeitslosengeld II beziehen. Insgesamt gab es zum Stichtag Ende September 13 286 »erwerbsfähige Leistungsberechtigte«, knapp 900 oder sechs Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der Haushalte sank fast genauso deutlich auf jetzt 9605 »Bedarfsgemeinschaften«.

Dass es bei den Kunden im Gesamtjahr über 6000 Zugänge und über 7000 Abgänge gab, zeigt, dass auch im »Hartz-IV«-Bereich viel in Bewegung ist. Etliche Personen verschwinden allerdings nur vorübergehend aus der Statistik, um bald darauf zurückzukehren. Nur fünf Prozent aller ALG-II-Bezieher haben unmittelbar zuvor Arbeitslosengeld bezogen. Der gern zitierte »ungebremste Abstieg« – jahrelang berufstätig, Kündigung erhalten, ein Jahr lang Arbeitslosengeld, dann folgt »Hartz IV« – spielt in Wirklichkeit kaum eine Rolle.

Alle Leistungen eingerechnet, verteilte das Jobcenter im Vorjahr 110 Millionen Euro. Es ist in der Region also auch ein Wirtschaftsfaktor – und mit 240 Mitarbeitern selbst ein beachtlicher Arbeitgeber.

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