16. Juli 2019, 22:11 Uhr

Jeder Grabstein eine Geschichte

16. Juli 2019, 22:11 Uhr
Bäume wachsen an einigen Stellen sogar direkt auf oder unmittelbar neben den Gräbern. (Foto: gl)

An einem ganz normalen Montag, kurz nach Mittag, auf dem neuen Friedhof. Wer hier hinkommt, hat in der Regel ein konkretes Ziel, will das Grab eines Angehörigen oder Bekannten besuchen oder pflegen. Aber es gibt auch diejenigen, die die Anlage einfach nur für einen idyllischen Spaziergang unter dem Schatten spendenden Kronendach der Bäume nutzen. Doch an diesem Montag ist zunächst weit und breit niemand zu sehen. Nur das Zwitschern der Vögel in den Bäumen ist zu hören.

Und von denen gibt es jede Menge. Nicht nur zur Freude der Angehörigen, die immer wieder darüber klagen, unschöne Hinterlassenschaften der Tiere auf den Grabsteinen wegwischen zu müssen. Wer einen Baum oder einen Strauch direkt am Grab stehen hat, muss aber mit solchen Spuren rechnen. Und immer wieder sieht man Gräber, auf denen sogar direkt ein großer Baum herauswächst. Ob die Angehörigen das geahnt hatten, als sie vor vielen Jahren eine kleine Konifere zur Zierde gepflanzt haben?

Und dann gibt es natürlich noch die Kaninchen. Gleich mehrere von ihnen sind an diesem Tag zu sehen, scheinen keine große Scheu zu haben. Eine Kaninchenmutter hat sich mit ihrem Nachwuchs unter einem schon älteren Grab mit Steinplatte eingenistet. An der Seite des Grabes, direkt neben einem der großen Hauptwege, sieht man deutlich den Eingang zu einem Bau und zwei bräunliche Kaninchen schlüpfen heraus - um sich gleich im nächsten Busch zu verstecken. Zumindest können sie auf dem komplett schmucklosen Grab, unter dem sie sich eingerichtet haben, keinen Blumenschmuck abknabbern.

Apropos schmucklos: Es gibt viele Gräber, die - wohl aus praktischen Gründen - mit Schottersteinen oder einer einzigen großen Grabplatte bedeckt sind. Angehörige, die weit entfernt wohnen oder keine Zeit für eine aufwendige Grabpflege haben; Verstorbene, die ihren Kindern mit ihrem Wunsch nach einem pflegeleichten Grab Arbeit ersparen wollen - es mag viele Gründe geben. Die zahlreichen orangefarbenen Aufkleber an schiefen oder wackeligen Grabsteinen mit der Aufforderung, sich doch bitte mit der Friedhofsverwaltung in Verbindung zu setzen, legen Zeugnis davon ab, dass sich eben nicht alle Angehörigen regelmäßig um ein Grab kümmern (können).

Aber auch eine anonyme Bestattung auf einer der Wiesen, die an diesem Werktag ein Friedhofsgärtner mit Wasser benetzt, ist möglich. Doch auch hier sieht man vereinzelt Blumensträuße liegen, die Besucher im Gedenken an einen Verstorbenen hinterlassen haben. Ob sie exakt die Stelle getroffen haben, an der die Asche des Verstorbenen vergraben ist, ist ungewiss. Das Bedürfnis nach einem Ort der Erinnerung scheint jedenfalls groß. Ein Grab ist für die meisten Angehörigen eben auch ein Ort des Trostes. Ein Platz, an dem sie sich mit dem Verstorbenen verbunden fühlen. Und solch ein Grab wird auch in der Regel mit Sorgfalt gestaltet.

Das zeigt sich schon bei einem kurzen zehnminütigen Spaziergang über den neuen Friedhof. Immer wieder liest man Namen von Menschen, die man gekannt hat oder mit deren Familiennamen man etwas verbindet: die Unternehmerfamilie mit dem monumentalen Familiengrab, der vor ein paar Jahren verstorbene Professor aus der Nachbarschaft, ehemalige Weggefährten, Mitschüler, Freunde oder Kollegen. Aber es gibt auch die vielen Unbekannten, deren Name samt Geburts- und Sterbedatum auf dem Grabstein steht. Schade, dass nicht wie in südlichen Ländern üblich, auch ein Foto des Verstorbenen in den Stein eingelassen ist. Welche Familientragödie verbirgt sich wohl hinter der Inschrift auf einem kleinen Stein am uralten Familiengrab, in dem der Tod eines Kindes betrauert wird? Der kleine Junge wurde gerade einmal zwei Jahre alt. Und wie stolz muss eine Familie gewesen sein, dass der Vater als »Eisenbahningenieur« oder »Studienrat« arbeitete, um das auch auf dem Grabstein in goldenen Lettern zu verewigen? Hinter jedem Grabstein steckt eben eine Geschichte - doch in den meisten Fällen erfährt man die nicht.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Angehörige
  • Bäume
  • Friedhöfe
  • Gießen
  • Grabsteine
  • Verstorbene
  • Vögel
  • Gießen
  • Karola Schepp
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.