19. Januar 2015, 11:13 Uhr

Jan Seghers liest aus »Die Sterntaler-Verschwörung«

Jan Seghers hat in »Die Sterntaler-Verschwörung« die Ereignisse der Hessenwahl von 2008 als Ausgangsstoff für einen spannenden Krimi genommen. Nun las er daraus auf Einladung des Literarischen Zentrums im ausverkauften Konzertsaal des Rathauses.
19. Januar 2015, 11:13 Uhr
Jan Seghers präsentiert im Rathaus »Die Sterntaler-Verschwörung«. (Foto: gl)

Jan Seghers liebt Konflikte. Jedenfalls, wenn sie ihn zu einem Kriminalroman inspirieren. »Was sollte ich denn darüber erzählen können«, antwortet er auf die Frage von Moderator Michael Weise, warum Kommissar Marthaler und seine Kollegen keine glückliche Beziehung führen dürfen. Aber auch die großen politischen Intrigen interessieren den Frankfurter Autor, der auf Einladung des
Literarischen Zentrums Gießen aus seinem fünften Kriminalroman »Die Sterntaler-Verschwörung« las. Und eine solche gab es 2008 im Nachgang zur Landtagswahl in Hessen, als SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti über die plötzlichen Gewissensbisse von vier Abweichlern aus den eigenen Reihen stolperte. Seghers nimmt dies als Steilvorlage für seine fiktive Romanhandlung. Alles sei nur erfunden, kokettiert er – und doch hat man im Buch beim aknenarbigen Ministerpräsidenten Rolf-Peter Becker oder Herausforderin Sabine Xanthopolous natürlich sofort die realen Vorbilder vor Augen.

Angezogen mit beiger Strickjacke und dunklem Polohemd und mit einer Flasche Rotwein auf dem Tisch, hat es sich Seghers auf der kargen Bühne gemütlich gemacht. Mit ruhiger Stimme liest er Auszüge aus den ersten Kapiteln seines neuen Buches – eine echte Strichfassung, wie angekündigt, ist das nicht. Die Hörer lernen den Callboy Süleyman kennen, der bei einem Unfallopfer einen Umschlag mit pikanten Fotos findet; leiden mit Kommissar Marthaler mit, als dessen Heiratsantrag von Freundin Tereza abgelehnt wird; und erleben, wie Marthaler mit seiner Bekannten Anna die ermordete Journalistin Herlinde Scherer in einem Hotel am Frankfurter Zoo findet. »Sie sind ja wunderbar aufmerksam«, lobt Seghers sein Publikum, das in der Tat hochkonzentriert der Lesung folgt. Was die kriminellen Geschäfte im Club »Sterntaler« und ein »Cold Case« eines dreifachen Frauenmords mit dem Tod der Journalistin und dem politischen Ränkespiel gemeinsam haben, erfahren sie nicht. Recht so: Das soll man schließlich im Buch selbst nachlesen.

Spannend ist aber auch das, was Seghers, der im wirklichen Leben Matthias Altenburg heißt und sein offenes Krimiautoren-Pseudonym als »bequeme Doppelexistenz« zu Ehren von Autorin Anna Seghers und des Radrennsportlers Jan Ullrich kreiert hat, im anschließenden Gespräch mit dem Moderator ausplaudert. Er habe nur die Rädchen eines Vorfalls aus der »absolut sauberen Politik« für den Roman weiterdrehen müssen, erzählt er mit ironischem Augenzwinkern. Doch auch wenn der Verlag die Anspielungen auf echte Personen der Zeitgeschichte deutlich entspannter gesehen habe als er selbst, so bezweifelt Seghers doch, dass »Die Sterntaler-Verschwörung« so einfach zur Verfilmung freigegeben wird, wie es bereits mit anderen Marthaler-Geschichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geschehen ist. Schließlich säßen wichtige Politiker im Rundfunkrat.

Von Marthaler-Darsteller Matthias Köberlin zeigt sich Seghers indes auf Rückfrage aus dem Publikum begeistert – auch wenn er zugibt, er habe sich seinen Kommissar eigentlich anders vorgestellt. Seghers erzählt von einem Besuch beim nächtlichen Dreh im Frankfurter Industriegebiet und lobt den Kriminalroman als »Gesellschaftsroman unserer Zeit«. Er beschreibt, wie wichtig es ihm ist, die Orte, an denen eine seiner Geschichten spielt, auch tatsächlich zu sehen. Und er findet es richtig, dass Literaturpreise für Schriftsteller und Krimiautoren getrennt vergeben werden, um »nicht die zu alimentieren, die durch den Verkauf ihrer Bücher gut leben können«.

Im Anschluss an die einstündige Lesung signiert er mit einem Lächeln seine Bücher, die ihm von den zahlreichen Anstehenden gereicht werden. Ein bisschen weniger entspannt geht er offenbar damit um, dass das Ende von »Die Sterntaler-Verschwörung« von manchen Kritikern als allzu konstruiert bezeichnet wird. »Geben Sie mir deren Adresse«, scherzt der Autor. Vielleicht dient ihm ja ein Hausbesuch als Inspiration für einen neuen Marthaler-Kriminalfall. gl

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