17. Oktober 2017, 06:00 Uhr

Jägermeister

Jägermeister zum Frühstück - jetzt drohen mehrere Jahre Gefängnis

Mehrfach bedroht der Mann die Angestellten von zwei Tankstellen mit einem Messer. Doch es geht ihm nicht um Geld. Er will nur eine Flasche Jägermeister. Und ins Gefängnis.
17. Oktober 2017, 06:00 Uhr
Foto: dpa

Die Hose schlackert dem Angeklagten um die Beine, als ob sie beim Weg zum Richtertisch jeden Monat herunterrutschen könnte. Aber der straffgebundene Gürtel hält. Dabei hat der großgewachsene Mann im Gefängnis kräftig zugenommen. 70 Kilogramm wiegt er nun statt 58, verkündet er am Montag stolz vor der Neunten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts. Der Grund für den mageren Körperumfang steht dem 52-Jährigen sprichwörtlich ins hohlwangige Gesicht geschrieben: Er ist seit Jahren heroinabhängig.

Kaum noch etwas gegessen

Bevor er in Untersuchungshaft landete, hat er kaum gegessen. Unregelmäßig Frikadellenbrötchen oder Döner. Dafür war der Durst des Gießeners umso größer. Zum Frühstück gab es einen Jägermeister. Die Halbliterflasche reichte jedoch kaum bis zum Mittag, im Idealfall hatte er nach der zweiten am Nachmittag noch eine dritte Flasche für die Nacht zur Hand. »Ich bin ein Wirkungstrinker«, erklärt der Mann den Richtern. Mit Bier den nötigen Pegel zu erreichen, »ist mir zu viel Flüssigkeit«.

Mehrere Jahre Haft denkbar

Am Abend des 25. Mai dieses Jahres musste der Obdachlose wohl wieder dringend seine Vorräte auffüllen. Kurzerhand griff er sich in einer Tankstelle in der Frankfurter Straße eine Flasche mit dem ersehnten Inhalt und ging – ohne zu zahlen. Als Angestellte ihm den Kräuterlikör abnehmen wollten, drohte er mit einem Messer. Um 5 Uhr am nächsten Morgen brauchte er wieder Nachschub und organisierte ihn auf dieselbe Weise bei einer weiteren Tankstelle. Zum Glück wurde niemand verletzt. Bis auf einen Angestellten, der über Schlafstörungen klagte, hatten alle die Vorfälle gut verarbeitet. Trotzdem geht die Anklage von einem räuberischen Diebstahl aus. Dem geständigen Täter drohen deshalb mehrere Jahre Haft.
 

Mutter Prostituierte, Opa Prügel-Nazi

Aber das schreckt den geschiedenen Familienvater nicht. Im Gegenteil. Er will am liebsten hinter Gitter. Das – sagt er – sei nicht nur im Winter praktisch, um nicht schon wieder erneut eine Lungenentzündung zu bekommen.

Auch sonst lebt der Mann eher ungern auf der Straße, wo »jeder Tag ist wie der andere«. Heißt, es wird von morgens bis abends mit Kumpels auf dem Marktplatz gesoffen. In U-Haft nimmt der Heroin-Junkie nun erstmals an einem Methadon-Programm teil.

"Mir ist schnell langweilig"

Genauso schonungslos wie seinen Alltag beschreibt er seine Kindheit. Als Sohn einer Prostituierten und eines prügelnden Alkoholikers landet er bei den Großeltern. Aber der Opa war ein »alter Nazi«, der auch prügelte. Dazukommen Kindheitserinnerungen an Nächte mit der Mutter in Bars und Schlägereien zwischen dem Opa und Zuhältern. Obwohl er sich seit seiner Konfirmation in Alkohol und später in Haschisch und Heroin flüchtet, gelingt dem Mann an der Abendschule der Realschulabschluss. Dass er trotzdem keinen Beruf erlernte und Lehren abbrach, schiebt er auf seine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS). »Mir ist schnell langweilig.« Der Prozess wird fortgesetzt.

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