09. August 2017, 11:00 Uhr

Elektroautos

Ist Gießen fit für Elektroautos?

Nicht nur die Industrie, auch Kommunen können Anreize zum Umstieg auf E-Mobilität bieten. Stellt sich die Frage: Was macht Gießen für Elektroautos?
09. August 2017, 11:00 Uhr

Von Christoph Hoffmann , 3 Kommentare

Franziska Röttig wohnt in Koblenz. Alle zwei, drei Wochen fährt sie mit ihrem Auto die gut 100 Kilometer nach Gießen, um ihre Tochter zu besuchen. Und die Enkeltochter. Und Lidl. Denn auf dem Parkplatz des Discounters an der Grünberger Straße steht eine Schnellladestadion für Elektro-Autos. »Wenn ich 20 Minuten lang einkaufen gehe, ist das Auto komplett aufgeladen«, sagt Röttig.

Eine win-win-Situation: Die Koblenzerin freut sich über eine kostenlose Tankfüllung und Lidl über einen zusätzlichen Kunden. Das Beispiel zeigt, wie es klappen könnte mit dem Umstieg auf Elektroautos. Doch noch halten viele Deutsche trotz vieler Skandale an ihren Benzin- und Dieselfahrzeugen fest. Das liegt vor allem an der begrenzten Reichweite und dem dünnen Netz an Ladestationen für E-Autos. Das erste Problem kann nur die Industrie lösen, beim zweiten sind auch die Kommunen gefragt.

 
Sieben Stromtankstellen

Die Ladestation bei Lidl ist eine von insgesamt sieben Stromtankstellen, die die Stadt Gießen auf ihrer Internetseite auflistet. Sie stehen an der Kreisverwaltung im Europaviertel, bei Dekra an den Hessenhallen, am Ringallee-Parkplatz, den Stadtwerken an der Lahnstraße, in der Tiefgarage am Berliner Platz sowie bei der Volksbank Mittelhessen am Schiffenberger Weg. Die Stadtverwaltung selbst hat derzeit zwei E-Autos im Einsatz, ein weiteres könnte dieses Jahr dazukommen, zudem können die Mitarbeiter der Verwaltung drei E-Bikes nutzen. Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich fährt seit einigen Jahren ein Erdgas-Fahrzeug.

Westanlage extrem belastet


Ein guter erster Schritt, für eine Verbesserung der schlechten Luft aber zu wenig. Denn nach Daten des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie ist Gießen in Sachen Stickstoffdioxid hochbelastet. Seit Jahren wird am Verkehrsknotenpunkt Westanlage der zulässige Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft überschritten. Von den insgesamt 36 Messstationen des Landesamts verzeichnete die Station in Gießen 2016 den siebthöchsten Wert. Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, drohen auch hier irgendwann Fahrverbote für Dieselfahrzeuge.

Man kann den Feinstaub mit den Fingern von den Fenstern wischen

Richard Schindler

In Großstädten ist die Problematik noch größer. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die E-Mobilität dort stärker gefördert wird. In Berlin beispielsweise hat ein Startup-Unternehmen angefangen, Straßenlaternen in Ladestationen umzurüsten. In Hamburg, Stuttgart oder Dortmund gibt es kostenlose Parkplätze für E-Autos. Diese und weitere Sonderregelungen hat die Bundesregierung 2015 durch das Elektromobilitätsgesetz ermöglicht.

 

In Gießen gibt es solche Regelungen nicht. Beziehungsweise noch nicht. Denn das Stadtparlament hat kürzlich einen Maßnahmenkatalog zum Klimaschutz beschlossen, der solche Schritte beinhaltet. »Welche wir dann umsetzen, werden wir in Zusammenarbeit mit Stadtwerke, Tiefbauamt und Straßenverkehrsbehörde erarbeiten«, heißt es aus dem Büro der Bürgermeisterin.

Regierung und Industrie steuern 4000 Euro bei


Richard Schindler wird den Ausgang aufmerksam verfolgen. Der Gießener hat im Dezember für sein Unternehmen ein Elektroauto als Dienstwagen gekauft. »Am Anfang waren wir skeptisch, inzwischen sind wir aber voll zufrieden.« Für die innerstädtischen Fahrten reiche der Akku aus, das Auto sei praktisch und leise. Außerdem spare man so pro Jahr 4000 Tonnen Co2 ein. Der Umwelt-Aspekt scheint Schindler besonders wichtig zu sein.

»Unser Geschäft liegt an der Nordanlage. Hier hat der Verkehr massiv zugenommen. Man kann den Feinstaub mit den Fingern von den Fenstern wischen.« Die umweltfreundliche Alternative hat sich Schindler einiges kosten lassen, durch die Subventionierung – Regierung und Industrie steuern 4000 Euro bei – war der Kauf aber zu stemmen. Trotzdem hält der Gießener die hohen Anschaffungskosten für ein Hindernis. »Aber das wird sich legen. Das ist bei allen technischen Neuerungen so.« Gleiches erhofft er sich auch bei der Reichweite und dem Netz an Ladestationen. Er selbst kann sein E-Auto auf dem Hof aufladen, wer aber im dritten Stock eines Mietshauses wohnt, ist auf öffentlichen Stromtankstellen angewiesen.

Mit 50 Kilowatt die schnellste Ladeleistung


So wie Franziska Röttig bei ihren Ausflügen nach Gießen. Wobei für die Koblenzerin ohnehin nur die Lidl-Station in Frage kommt. Bei allen anderen Stromtankstellen sind Kundenkarten, Mitgliedschaften oder andere Freischaltungsprozeduren notwendig. Außerdem bietet der Discounter mit 50 Kilowatt die schnellste Ladeleistung, und das kostenlos. Im Gegenzug kauft Röttig meist mehr ein, als sie benötigt. »Ich will das Angebot schließlich unterstützen.

« Das sind aber auch die einzigen Kosten, die bei ihren Fahrten zu Tochter und Enkelin anfallen. Den Tank für die Rückfahrt füllt Lidl, den Strom für die Hinfahrt liefert die Photovoltaikanlage auf ihrem Haus in Koblenz. Die Energiewende: Bei den Röttigs ist sie im vollen Gange.

Info

Stromtankstellen in Gießen

Auf der Internetseite der Stadt (www.giessen.de, als Suchbegriff »Stromtankstellen« eingeben) finden sich alle Infos zu den heimischen Stromtankstellen. Neben den Adressen auch Angaben über Steckersysteme, Ladeleistung, Preis, Anzahl der Säulen, Kosten und Öffnungszeiten.

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