25. Oktober 2019, 22:11 Uhr

Instagram des Viktorianischen Zeitalters

25. Oktober 2019, 22:11 Uhr
Blick in das Scrapbook der Kapitänstochter Violet Seymour Osborne. (Foto: gl)

Mark Twain hat nicht nur als Autor »Tom Sawyer und Huckleberry Finn« unsterblich gemacht, er war auch ein passionierter Erfinder. Er ließ sich ein Geschichtsquiz patentieren und auch die Idee von größenverstellbaren Kleiderbändern. Zu seinen erfolgreichsten Erfindungen gehörte jedoch 1873 ein Scrapbook mit selbstklebenden Seiten. Twain traf damit den Zeitgeist, denn viele Frauen des viktorianischen Zeitalters nutzten solche Bücher, um an persönliche Erlebnisse oder historische Ereignisse mit Schnipseln, den sogenannten »Scraps«, zu erinnern. Sechs solcher originalen Scrapbooks sind aktuell im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek zu sehen.

Studierende des Instituts für Anglistik haben unter der Leitung von Dr. Martin Spies die sechs Scrapbooks ausgewertet und mit jeder Menge Hintergrundinformationen zu den Verfasserinnen bestückt. Die Bücher erlauben teils sehr persönliche Einblicke in das Leben von sechs Frauen in Amerika und England zu Zeiten von Königin Victoria und ihres Nachfolgers König Edward VII. Sie sind eine Art Instagram des Viktorianischen Zeitalters und eine Mischung aus Fotobuch und Tagebuch, die damals häufig im engeren Familien- und Freundeskreis gezeigt wurden.

Neben dem Sammelband-Scrapbook einer anonymen Verfasserin, in dem Bilder aus der Londoner Theaterwelt zu finden sind, sind es vorallem die biografischen Scrapbooks, die beim Blick in die Vitrinen die Ausstellungsbesucher faszinieren. Der Schwerpunkt liegt hier meist auf Geburten, Hochzeiten oder Todesfällen. Parties, wichtige Feiertage und Reisen zu interessanten Orten spielen ebenso häufig eine Rolle. Längere handgeschriebene Passagen gibt es in der Regel nicht, denn das Scrapbook mit seiner Sammlung an Briefausschnitten, Tanzkarten, Eintrittskarten und Fotos ist als Collage angelegt. Frauen der Ober- und Mittelschicht, die damals nicht arbeiten durften und nur in ihrem häuslichen Umfeld agieren konnten, nutzten die Scrapbooks, um so eigene Geschichten erzählen zu können.

So wie Violet Seymour Osborne (1882-1972). Sie hatte in den Jahren von 1901 bis 1907 ihr Scrapbook erstellt, das einen Eindruck vom eher müßigen Leben in der edwardianischen Oberschicht und des Landadels vermittelt. Ihre Herkunft aus einer Marinefamilie mit kolonialen Verbindungen ermöglichte ihr viele Reisen. So wurde sie Augenzeugin der Verwüstungen, die der Ausbruch des Vesuvs im April 1906 verursacht hatte. Der Langeweile entfliehen wollte auch Mabel Doris »Dolly« Tillard (1885-1962), wie ihr vor ihrer Hochzeit entstandenes Scrapbook zeigt. Tanzkarten legen Zeugnis ab von den zahlreichen Bällen, die sie besuchte. Außerdem hat sie festgehalten, dass sie als Laiendarstellerin in einem Theaterstück aufgetreten ist. Auch die Schwestern Marianne und Clara Eissler, die sich nach dem Tod des Vaters um die Jahrhundertwende als reisende Musikerinnen verdingten, haben besondere Erlebnisse in ihrem nur noch fragmentarisch erhaltenen Scrapbook festgehalten. Die Seiten zeigen auch die Namen der aristokratischen Familien, in deren Salons die Harfenistin und Geigerin durchaus gern gehörte Gäste waren. Bedingt durch den sich wandelnden Musikgeschmack zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerieten die Eissler-Schwestern jedoch in Vergessenheit und starben beide 1942 verarmt in Cannes.

Einen Zeitraum von 20 Jahren umfasst das Scrapbook von Gladys Herbert (1859-1917). Als Spross einer der vornehmsten Adelsfamilien wurde sie unter dem Namen »Lady de Grey« als Patin der Bohème bekannt. Während ihre beiden Ehemänner im Scrapbook komplett unerwähnt bleiben, enthält das Buch einige von Sir Reginald Lister (1865-1912) geschriebene Postkarten an seine »geliebte Athene«. Der Diplomat soll ihr Geliebter gewesen sein.

Die Ausstellung ist noch bis zum 8. Dezember, täglich von 7.30 bis 23 Uhr, im Ausstellungsraum der Unibibliothek (Otto-Behaghel-Straße 8) zu besichtigen. Ein informativer Katalog liegt aus.

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