07. Juni 2010, 21:20 Uhr

Innere Gefühle sind nicht unbedingt Männersache

Gießen (pm). Unter den Anrufen bei der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar machen Männer etwa 40 Prozent aus. Sie melden sich in Krisensituationen wie etwa in der Partnerschaft, bei psychischen Problemen, mit Fragen zur Sexualität oder Sucht. Den Männern fällt es oft schwer, über ihre Empfindungen zu sprechen.
07. Juni 2010, 21:20 Uhr

Das sagte Hubert Frank, Männerseelsorger im katholischen Bistum Mainz und Gewaltberater in eigener Praxis, bei einem Fortbildungsabend für Telefonseelsorger. Noch immer würden Männer als das starke Geschlecht erzogen, das keine Gefühle nach außen lasse.

Frank kritisierte das Bild des Mannes in der Öffentlichkeit, das immer noch von traditionellen Rollenerwartungen bestimmt sei. Beispielsweise »Männlichkeitsanforderungen« wie das Verbergen privater Erlebnisse, Sexualisierung von Intimität und Nähe, Zeigen von Unbesiegbarkeit, Verleugnen von Schmerz oder bei Konflikten, in denen vermieden wird, die eigene emotionale Verletzbarkeit zu zeigen.

Auch Männer seien kreative und sensible Menschen, hob er die positiven Eigenschaften hervor. Natürlich hätten sie Stärken und Schwächen. Und es sei eine große Herausforderung, Männlichkeit mit Selbstsicherheit im Umgang mit eigenen Gefühlen zu verbinden.

Dass es Männern schwer falle, eigene Gefühle wahrzunehmen, hänge vielfach mit der Erziehung zusammen sowie mit dem Männerbild in der Gesellschaft und dem, was Männer untereinander und ihren Söhnen gegenüber als »Mannsein« vermitteln. Männer, die ihre Frauen schlagen, hätten meist nicht gelernt, über ihre Gefühle zu reden. Erfahrungen eigener Ohnmacht stehen sie oft sprach- und hilflos gegenüber, agieren sie stattdessen explosiv und unkontrolliert aus, so der Referent.

In Männergesprächen gehe es vielfach nur um Äußerlichkeiten, nur selten würde über das Innere angesprochen. Wer aus der »traditionellen« Männerrolle heraustritt, werde oft als Weichei oder Warmduscher verspottet. Männer seien aber auch emotional bedürftig. Bei Frauen suchten Männer dieses Verständnis für ihre innere Seite, möchten, dass das andere Geschlecht ihnen die Bedürfnisse von den Augen abliest.

Viele Männer flüchteten lieber ins Schweigen und Alleinsein, statt sich mitzuteilen, so Frank, der selbst einige Jahre als Telefonseelsorger in Mainz gearbeitet hat. »Wer nicht über seine Sorgen spricht, bleibt allein«, so sein Resümee. Das Emotionale werde häufig ausgeklammert. Die Selbstdarstellung wie sie ein bekannter Werbespot karikiert »mein Haus - mein Auto - mein Boot« werde groß geschrieben. Wenn im Leben der Männer etwas schief gehe, suchten sie die Fehler immer draußen, nicht bei sich selbst.

Das starke Geschlecht verstehe das Gespräch nicht als Handlung, sondern als sinnloses Tun. Ergebnisse zählten mehr als das Einlassen auf den Prozess. Männer stünden unter einem starken Konkurrenz- und Leistungsdruck, bestärkten und erzeugten ihn gegenseitig. »Sie haben Helden zu sein, müssen in den Krieg ziehen«. So sei Gewalt von Männern eine logische Konsequenz dieser gesellschaftlichen Rolle.

Im traditionellen Bild sei das Mannsein mit Dominanz verbunden. Das Wahrnehmen der eigenen Ohnmacht und der kontrollierte Umgang sei für Männer besonders schwer. Sie brauchten Sicherheit, eine Situation, in der sie anerkannt seien, um ein Gespräch zu beginnen. Oft würden sie in der Männerberatungsstelle zunächst schweigen und ihre Probleme verdrängen.

Schlett wies darauf hin, dass sich rund 50 Mitarbeiter den Dienst der Telefonseelsorge teilen. Unter den bundeseinheitlichen Rufnummern 08 00 111 0 111 und 08 00 111 0 222 ist sie rund um die Uhr zu erreichen. Um die Seelsorge für Menschen in akuter Krise, die kostenlos und anonym geschieht, zu gewährleisten, ist die Telefonseelsorge auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Im Herbst beginnt wieder ein neuer Ausbildungskurs. Interessenten für die ehrenamtliche Ausbildung können sich schon jetzt melden für die Vorgespräche unter der Nummer 06 41 33 00 9. Weitere Informationen zum ehrenamtlichen Engagement auch unter <%LINK auto="true" href="http://www.telefonseelsorge-giesssen-wetzlar.de" text="www.telefonseelsorge-giesssen-wetzlar.de" class="more"%>



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