23. August 2009, 19:52 Uhr

Industrie sorgt sich - Nachwuchskräfte fehlen

Gießen (srs). Die Industrie darbt - und steht vor einer ungewissen Zukunft. Zwar wird die Finanz- und Wirtschaftskrise früher oder später überwunden sein. Doch Sorge bereitet der technischen Branche im Besonderen ein Nachwuchsproblem.
23. August 2009, 19:52 Uhr
Auf dem Podium diskutierten (v.l.) der Direktor der Werner-von-Siemens-Schule in Wetzlar, Dieter Agel, der Geschäftsführer der Buderus Edelstahl GmbH, Karl-Peter Johann, Moderator Wolfgang Maaß, der Vorsitzende der Lehrerbildungs-Initiative »Science on Stage«, Otto Lührs, sowie der Leiter der Wetzlarer Siemens-Geschäftsstelle, Alexander Trier. (Foto: srs)

Gießen (srs). Die Industrie darbt - und steht vor einer ungewissen Zukunft. Zwar wird die Finanz- und Wirtschaftskrise früher oder später überwunden sein. Doch Sorge bereitet der technischen Branche im Besonderen ein Nachwuchsproblem. Bis zum Jahr 2014 werden nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft voraussichtlich 220 000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen.

Der Frage, wie bei jungen Menschen das Interesse für technische Berufe geweckt werden kann, widmete sich am Samstag ein Symposium im Hauptgebäude der Justus-Liebig-Universität zum »Tag der hessischen Industrie«. Auf Einladung der »Initiative Industrieplatz Hessen« diskutierten im Rahmen einer Podiumsdiskussion ein Naturwissenschaftler, ein Schulleiter sowie Vertreter der Unternehmen Buderus und Siemens über »Liebe zur Technik als Lehr- und Lernziel in der Ausbildung«.

Gegen Ende des Symposiums verabschiedeten die 40 Teilnehmer eine gemeinsame »Gießener Erklärung«. »Wir haben es jahrelang versäumt, unseren Kindern und Heranwachsenden einen positiven Bezug zu technischen Sachverhalten nahe zu bringen«, halten sie darin fest. »Heute bekommen wir die Quittung dafür.« Begeisterung für Technik müsse in den Kinderjahren gelegt werden. Hier seien Elternhäuser, Kindergärten und Schulen gleichermaßen aufgefordert.

Zuvor hatten im Senatssaal des Hauptgebäudes der Physiker und Vorsitzende der Lehrerbildungs-Initiative »Science on Stage«, Prof. Otto Lührs, der Geschäftsführer der Buderus Edelstahl GmbH, Karl-Peter Johann, der Leiter der Wetzlarer Siemens-Geschäftsstelle Alexander Trier sowie der Direktor der Werner-von-Siemens-Schule in Wetzlar, Dieter Agel, auf dem Podium diskutiert.

Lührs sprach sich für ein praxisorientiertes Technik-Fach an den Schulen aus. Das Fach Physik sei zu theoretisch ausgerichtet. Auch in den Schulbüchern mangele es an Anregungen und Anleitungen zu praktischen Übungen. Gleichzeitig nehme die Bedeutung von schulergänzenden Angeboten zu.

Ein »grunderneuertes Bild von Technik und Technikberufen« gab Karl-Peter Johann als Ziel aus. Kinder seien für das Hinterfragen von Zusammenhängen zu begeistern. Allerdings gerate im Umgang mit der Technik der Konsum immer mehr in den Vordergrund. Heute nähmen Jugendliche Fahrräder nicht mehr als technischen Gegenstand wahr, fügte Alexander Trier (Siemens AG= hinzu. »Wir nutzen Technologie und fragen uns nicht mehr, warum etwas funktioniert. » Die Vermittlung von Technik an der Schule sei nicht mehr zeitgemäß. »Was in der Praxis und im beruflichen Alltag längst zusammen gewachsen ist - Naturwissenschaft und Technik - wird auf der schulischen Ebene nicht ausgebildet.« Außerschulische Fördermaßnahmen seien lediglich »Bypässe« für das marode Bildungssystem.

Dieter Agel, Leiter der Werner-von-Siemens-Schule in Wetzlar, wünscht sich im naturwissenschaftlichen und technischen Unterricht mehr Bezug zum realen Leben, um Begeisterung bei den Schülern zu wecken. Gleichzeitig müssten auch Mädchen und junge Frauen mehr ins Blickfeld geraten. »Das ist uns bisher so gut wie gar nicht gelungen.«

Die Veranstaltung war eine von fünf Symposien, die neben Gießen gleichzeitig in Darmstadt, Frankfurt, Kassel und Offenbach stattfanden. Per Videokonferenz tauschten die Teilnehmer ihre Ergebnisse aus. Eingangs hatte von Frankfurt aus der Präsident der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände, Prof. Dieter Weidemann, alle Teilnehmer der Symposien begrüßt. »Industrie ist vielleicht nicht alles in diesem Land«, sagte er. »Aber ohne Industrie ist hier fast alles nichts.«

Ein Grußwort in Gießen sprach Prof. . Joybrato Mukherjee, designierter Präsident der JLU. Die Moderation im Senatssaal der JLU hatte Dr. Wolfgang Maaß, Präsident der IHK Gießen-Friedberg, übernommen. Zu Ende nutzte er die Gelegenheit der Videokonferenz, den beim Symposium in Frankfurt weilenden hessischen Minister für Justiz, Integration und Europa, Jörg-Uwe Hahn, zu fragen, wie unter Kindern und Jugendlichen Begeisterung für die Technik angeregt werden könne. »Das ist kein Schulproblem«, antwortete Hahn und wies auf eine »Industriefeindlichkeit« in der Gesellschaft hin. Industrie bedeute für viele »Krach und Dreck. Der Schalter im Kopf muss weg.«

Der »Tag der hessischen Industrie« ist eine Veranstaltung der »Initiative Industrieplatz Hessen«, die getragen wird von der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, von führenden hessischen Unternehmen und dem Hessischen Wirtschaftsministerium, in Kooperation mit der »Route der Industriekultur.

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